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Tag gelegt und betätigt hat, in ihrer Körpererscheinung
ausprägen. Dadurch verschafft er sich nicht bloß die Er
leichterung, daß er das Äußere vielmehr nur andeutend
wiedergeben darf als bei einem anderen Verfahren, ohne
verschwommen zu scheinen, sondern er gewinnt auch er-
erhöhte Lebendigkeit für sein körperliches Gemälde, weil
wir in diesem ja gerade die Eigenschaften gespiegelt finden,
die bisher die Entwicklung des Geschehens als treibende
und wirkende Kräfte mitbestimmt haben und noch weiter
mitbestimmen werden“ (Stilges. S. 224). Zunächst halte ich
die Beschränkung, die in den letzten Worten liegt, daß der
Dichter nur soviel vom Sinnlichen schildern solle, als für
das Seelenleben bedeutsam sei, für eine unberechtigte und
in ihrer Durchführung unmögliche Einengung dichterischer
Gestaltungsfreiheit. Wenn Storm uns von kinderblauen
Augen, von sonnenblonden und goldklaren Haaren erzählt, so
sind das gewiß keine körperlichen Reflexe von Eigenschaften,
die als treibende und wirkende Kräfte fungiert haben, aber
wer wollte solche köstlichen Einzelheiten missen, wenn sie
wie hier mit künstlerischem Takt gegeben sind. Warum
sollte die Poesie nicht auch das rein Sinnliche eben um
seiner sinnlichen Schönheit willen in ihrer Weise darstellen,
die freilich eine andere, aber darum nicht unberechtigter
ist als die der Malerei; hat sie dieser gegenüber ihre Nach
teile, so hat sie auch ihre Vorteile. Ist das Sinnliche auch
dem Mittel der Poesie nicht so homogen, wie das Seelische,
so hat es dennoch unter Umständen auch in der Poesie
genügend Kraft, um von sich selber zu leben. Erwächst
doch ein sinnlich schöner Zug, auch wenn er nicht un
mittelbarer Ausdruck eines Seelischen ist, als Teil des
körperlichen Gesamtbildes, das in der Dichtung mit dem
seelischen Innern in unauflöslichem Zusammenhang steht,
ebenfalls, wenn auch nicht unmittelbar auf dem Nährboden
seelischen Geschehens und vermag Kraft aus ihm zu ziehen,
wenn er nur in die lebendige Gesamtbetätigung des Körpers

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