Full text: Die Technik der Gestaltendarstellung in den Novellen Theodor Storms

I. Teil. 
Zur Quellenkunde und Textgeschichte 
der Storm’schen Novellen. 
Jedem, der den Zauber Stormscher Dichtung an sich 
erlebt, wird jener geheime Schimmer undefinierbarer Schön 
heit aufgegangen sein, der über so mancher seiner Gestalten, 
insbesondere seiner Mädchengestalten schwebt. Wenn nun 
in dieser Arbeit der Versuch gemacht wird, den Schleier 
dieses poetischen Geheimnisses ein wenig zu heben, so 
könnte mir mancher Stormliebhaber, der nur empfinden und 
nicht erkennen will, den Vorwurf machen, ich hätte in der 
zergliedernden Betrachtung der Wissenschaft die duftigen 
Geschöpfe der Dichterphantasie zerpflückt und ihres zarten 
Schmelzes beraubt; allein er würde auch zugeben müssen, 
daß wie die feine Griffelkunst eines Dürer dem schärfsten 
Glase, so auch die dichterischen Gebilde dieses „stillen Gold 
schmiedes und silbernen Filigranarbeiters“ der eindringenden 
kritischen Sonde unberührt standhalten. Denn wie bei einem 
Dürer jeder Strich, so ist bei Storm jedes Wort aus der Tiefe 
einer Persönlichkeit geboren, die wir nur zu ahnen, nicht 
zu erfassen vermögen, die das letzte Geheimnis jeder starken 
künstlerischen Wirkung ist und deren schöpferischer Odem 
zu lebendiger Einheit verbindet, was unter der Hand des 
Kritikers in tote Teile anseinanderfällt. Vor dem Mysterium 
einer Persönlichkeit muß die Wissenschaft die Flagge streichen; 
aber innerhalb ihrer Grenzen hat sie uneinschränkbare Rechte 
und unabweisliche Pflichten, deren Erfüllung die lebendige 
Wirkungsfähigkeit echter Poesie nicht schmälert und der 
Erkenntnis nur dienlich sein kann. Und so sind zunächst 
die beiden Hauptaufgaben philologischer Tätigkeit: Quellen
	        

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