Full text: Die Technik der Gestaltendarstellung in den Novellen Theodor Storms

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150. In dem Augenblick, da ich mich aufrichtete sah ich Jenni 
bleich und mit überquellenden Augen an einen Schrank gelehnt. Als 
wir an ihr vorüber gingen, fuhr sie zusammen; eine Porzellanschale, 
die sie in der Hand hielt, fiel zu Boden und zerbrach. (S. 253.) 
151. Als ich aufstand und aus dem Fenster sah, ging sie unten auf dem 
breiten Kieswege des Gartens. Sie trug wie gestern ein weißes 
Kleid; ich habe sie in jenen Tagen nie anders als in weißen Kleidern 
gesehen .... Sie ging vor mir auf dem breiten Steig . . . ; sie 
ging rasch wie in innerer Erregung und schwenkte ihren Strohhut an 
den seidenen Bändern. (S. 256.) 
152 du bist noch ganz die alte herzlich heftige Jenni von vordem; 
mir war, als müßten sogar deine schwarzen Haare aus dem Knoten 
springen und sich wieder in kleinen wilden Kinderlöckchen um deine 
Stirn kräuseln . . . * (S. 256.) 
153. Sie antwortete nicht, aber während wir nebeneinander hergingen, sah 
ich, wie ihre blitzenden Zähne sich in die rote Lippe gruben. (S. 257). 
154. Hier war Jenni in ihrem Elemente. Mit den großen raschblickenden 
Augen verfolgte sie den Ball, und ebenso leicht, bald rückwärts, bald 
zur Seite weichend, flogen ihre Füße über den Rasen. Dann im 
rechten Augenblick schwang sie mit ihrer kleinen Hand den Ketscher 
und schlug das herabschießende Federspiel, daß es geflügelt in die 
Luft zurückstieg. Einmal auch, wie hingerissen in der Aufregung des 
Spiels, warf sie den Ketscher von sich und unter dem lauten Ruf: 
„Wie er fliegt! Ihm nach, ihm nach!' flog sie selbst, mit den 
Fingern wie zum Gruß in die Luft schnalzend, über den Boden da 
hin. — Oder wenn sie sich bückte und den Ball aufnahm, oder wenn 
er, von der kräftigen Hand meines Bruders getroffen, einmal über sie 
hinflog, — man mußte es sehen, wie sie dann den Kopf mit dem 
schweren glänzenden Haar zurückwarf und wie leicht und rasch diese 
biegsamen Hüften der Wendung des schönen Kopfes folgten. Ich 
konnte die Augen nicht von ihr wenden; in diesen kräftigen und 
doch so anmutigen Bewegungen war etwas, das unwillkürlich an die 
Ursprünglichkeit der Wildnis erinnerte. Auch meine gute Schwägerin 
schien ganz davon hingerissen. (S. 258.) 
155. . . . sah Ich drüben am jenseitigen Ufer im Schatten der hohen 
Baumwand eine weiße Frauengestalt. Sie lehnte an einem Baume, 
der neben dem Wasser stand, und schien in die Tiefe hinabzublicken. 
Und jetzt mußte sie sich bewegt haben; denn, während sie noch 
eben ganz im Schatten gewesen, spielte nun das Mondlicht auf 
ihrem weißen Gewände. (S. 264.) 
156. Als ich mich näherte, erhob die Gestalt den Kopf, und Jennis 
schönes blasses Antlitz wandte sich mir entgegen; es war so hell 
vom Mond beleuchtet, daß ich den bläulichen Schmelz der Zähne 
zwischen den roten Lippen schimmern sah. (S. 264.)
	        

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