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Dichters aber gehört seinen Frauen- und Mädchengestalten:
Feinste Empfänglichkeit für den Reiz weiblicher Schönheit,
im Leben wie in der Kunst, ist einer der Hauptzüge in der
geistigen Physiognomie Storms. Freilich, der Canon der
Frauenschönheit, wie er sich aus seiner Dichtung ergäbe,
unterscheidet sich sehr wesentlich von dem landläufigen.
Die „Schönheit“, die er schildert, ist stets höchst eigenartig
und persönlich, niemals einem vagen Schönheitsideal ent
sprechend, wie sich denn ein solches überhaupt kaum für
Storm fixieren ließe. Was allen weiblichen Gestalten seiner
frühen Dichtungen gemeinsam ist, ist die schlanke, zarte,
leichte Statur, ohne Üppigkeit, das feine blasse Antlitz, ohne
die robuste Farbe der Gesundheit; erst in den späteren
Novellen treten auch realistischer aufgefaßte und üppigere
Figuren auf den Plan. Charakteristisch hierfür sind die
schon den letzten der hier behandelten Novellen angehörigen
Gestalten der Slovakenmargreth in „Draußen im Haidedorf“
und der Julie in „Beim Vetter Christian“. Mit dem dunklen
Typus, schwarzes Haar und schwarze Augen, streitet der
blonde um den Vorrang in des Dichters Gunst; doch auch
die Braunen fehlen nicht; die Farbe der Augen, schwarz,
blau, braun und grau, wird mit Überlegung und ausge
sprochenem Hinweis auf die vorteilhafte Wirkung, zu dem
Tone des Haares und Gewandes abgestimmt. Mit einer
fernen, duftigen Zartheit weiß er alles zu geben, und die hellen
lichten Farben in die er seine Mädchenbilder taucht, liebt er
mit den dunklen S '-atten eines traurigen, mitunter tragischen
Schicksals zu kontrastieren: ein wehmütig-schmerzlicher Reiz
entspringt aus diesem Gegensatz, der ebenso sehr als künst
lerisches Mittel aufgefaßt sein will, wie als Folge einer für
Storm so charakteristischen Neigung, alles Glück, alles
Helle, alles Lebendige vor die dunkle Folie des Leides,
des Vergänglichen, des Todes zu stellen. Über seine „zärt
lichen“, „feinen“ Gestalten hat er all den berückenden
Zauber seiner Kunst ausgegossen, wie ihn nur Storm allein

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