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das Sinnliche, in welchem er sich ausprägt oder das irgend
wie lebendig mit ihm zusammenhängt, als Einheit gegen
wärtig; wir sind der ehrlichen Überzeugung, als setzen sich
uns die einzelnen sinnlichen Züge zur Einheit des Wahr
nehmungsbildes zusammen und wir sind erstaunt, wenn wir
durch Selbstbeobachtung oder durch andere darauf aufmerk
sam werden, daß wir das weder tun noch können“ (Stilges.
S. 191). Nicht Anschauungen, sondern nur „Gehaltsein
drücke der Anschauungen“ erhalten wir in der Poesie. Nicht
Anschauung, sondern Empfindung ist die Vermittlerin ihres
Gehalts 1 ). Und so sind die Gebilde des Dichters weniger
darauf angelegt, durch das innere Auge als eine sinnliche
Einheit geschaut, als vielmehr vom nacherlebenden Leser
in der Einheit der Gehaltsmomente empfindungsmäßig erfaßt
zu werden. An dieser Tatsache muß jeder Versuch, das
Körperliche oder Zuständliche mit den Mitteln der Dicht
kunst als eine sinnliche Einheit zu reproduzieren, unfehlbar
scheitern. Die Poesie liefert keine totalen, sondern nur
fragmentarische Bilder des Körperlichen.
Die Richtigkeit dieser Anschauung erweist auch die
künstlerische Praxis Theodor Storms. Nur einen Aus
schnitt aus dem weiten Bereich sinnlich wahrnehmbarer
Darstellungsobjekte will ich im folgenden behandeln: das
körperliche Erscheinungsbild der Gestalten in
den Novellen der Frühzeit. Es zeigt sich, daß das
scheinbar vollendete Bild der Gestalten, objektiv und sub
jektiv, nur ein Torso, daß der holde Trug der Plastik nur
aus wenigen Strichen erblüht und nie aus zahllosen Einzel
heiten zusammengestrichelt werden kann, daß aber das
wenige, zauberkräftige, was der bildartigen Wirkung tatsäch
lich zu ^Grunde liegt nur die Sicherheit des geborenen
Künstlers zu treffen vermag, daß die künstlerische Be
zwingung dieses scheinbar geringen Objekts die höchste
!) Stilges. Kap. VIII., S. 143 fi.

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