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deutlich mit unserm inneren Auge zu sehen! Es ist nur eine
schöne Täuschung, ein holder Trug.
Der Dichter verkörpert die sinnliche Einheit seiner
Gestalten durch eine Reihe von Einzelzügen. Sobald diese
sich für unser Empfinden als Einheit fühlbar machen und
„sobald an einer Reihe von Zügen ein intellektual vorge
stellter Einheitsbezug sich zusammenfindet mit empfundener
Gehaltseinheit“ (Stilges. S. 189). entsteht das poetische Bild.
„Was sich uns . . am Schluß eines dichterischen Bildes als
dessen psychischer Ertrag ergibt, ist neben dem Wissen um
den Gegenstand des Bildes nichts weiter, als daß die
Empfindung der Gehaltseinheit, die sich aus den einzelnen
Zügen bildet, sich uns mit derjenigen gesteigerten Nach
drücklichkeit aufdrängt, die das unmittelbar in seinen Einzel
heiten Erlebte verleiht. Die einzelnen Züge sind nicht mehr
in klarer Beleuchtung des Bewußtseins gegenwärtig; aber
wenn sie auch im dunkeln Untergrund des Bewußtseins
versunken sind, so ist uns doch, als erwiesen sie sich von
dort aus wirksam in der Kraft, in der sich die Einheits
empfindung in uns erhebt.“ (Stilges. S. 190/1). Wir empfinden
die Einheit des Gehalts der einzelnen sinnlichen Züge, ohne
daß wir uns, innerlich wahrnehmend, mit der Zusammen
fügung zu einer sinnlichen Einheit abmühten. „Müßten wir
in der Poesie innerlich wahrnehmen, so könnte der Eindruck
der Einheit des Bildes nicht aufkommen ohne Einheitlich
keit der Wahrnehmung und die Poesie wäre in ihren Bildern
fast so beschränkt wie die Malerei“ (Stilges. S. 190/1). So
aber verbindet der Dichter ohne Unterschied anschauliche
und unanschauliche Züge zu einer ästhetischen Einheit.
Im Mittelpunkt der Dichtung stehen die ästhetischen
Einheiten der Gestalten, die der Dichter mit einer größeren
oder geringeren Fülle anschaulicher und unanschaulicher
Züge auszustatten pflegt, und indem diese sich als Einheit
fühlbar machen, „entsteht wieder durch diese Gegenwärtig
keit der Einheit des Gehalts die Illusion, als sei nun auch

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