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keit“ 1 ). Diese Eigenschaft befähigt sie vornehmlich zur
Wiedergabe des seelischen Lebens. „So groß die Leistungs
fähigkeit der Sprache für das Seelische ist, so beschränkt
ist sie dem Sinnlichen gegenüber. Da die Sprache nur All
gemeinheiten zur Verfügung hat, um das Sinnliche auszu
drücken, und da sie mit diesen Allgemeinheiten der indivi
duellen Sinnenerscheinung nie gerecht werden kann, so
kommt sie über eine Auswahl nicht hinaus: ihre Darstellung
der Sinnenwelt muß fragmentarisch ausfallen“ (ebd. S. 208).
Es ist unmöglich, mit dem abstrakten, unanschaulich-geistigen
Mittel der Sprache ein adäquates Abbild eines phantasie
mäßig oder real Geschauten in der Totalität der Erscheinung,
der Mannigfaltigkeit der Nüancen, der Vielheit der Farben,
Formen, Linien und Beleuchtung zu schaffen, wie es etwa
der bildenden Kunst möglich ist. Was der Dichter uns zu
„genießendem Nacherleben darbieten möchte“, führt er in
„psychischen Gebilden“ vor, „die verschieden von den Er
scheinungen der sinnlichen Wirklichkeit nur unserer Vor
stellung eigen sind“ (ebd. S. 8); denn, was er innerlich
erschaut, ist hindurchgegangen durch das Medium der
Sprache und hat ihren Stempel empfangen, hat verloren,
was ihm die Sprache nimmt, gewonnen, was ihm die Sprache
gibt. So erfassen wir „denn nicht in Sinnenbildern, die
durch die Sprache suggeriert wären, sondern in der Sprache
selber und in den durch sie geschaffenen ihr allein eigen
tümlichen Gebilden“ den Gehalt. Man wende nicht ein,
derartige Fragen seien bedingt durch die Kraft und Intensität
der Anschauung des gestaltenden Dichters — „das Werk
des Dichters wird erst in der Aufnahmetätigkeit des Ge
nießenden zum Kunstwerk und nicht darum handelt es sich,
ob der Dichter Anschauungsbilder, die er etwa in seiner
0 Vergl. das vortreffliche Werk von Th. A. Meyer, Das Stil
gesetz der Poesie. Leipz. Hirzel, 1901, S. 204. — Die hier entwickelten
Anschauungen sind für meine Auffassung des zur Rede stehenden Problems
im wesentlichen maßgebend.

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