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Die Welt seiner früheren Novellen ist eine sonntägliche
Welt, durch deren leuchtende Atmosphäre die Gestalten der
nackten Wirklichkeit, episodisch auftauchend, nur flüchtig
hindurchhuschen. [Vgl. „Auf dem Staatshof“: die Bettlerin,
in „In St. Jürgen“: der Spökenkieker; „'Immensee“ erste
Fassung: das Treiben der Studenten 1 ); „Eine Malerarbeit“:
der dorfgeschichtliche Teil; „Draußen im Haidedorf“: der
Küster, die Küsterin und die Dorfweiber.] In seinen späteren
Schöpfungen erscheint der goldene Schimmer dieser ideali
sierten Welt mehr und mehr verweht durch die scharfe Luft
des Realismus, unverschleiert tritt uns aus ihnen häufig die
herbe Wirklichkeit entgegen. Sie erweisen eine sichtbare
Zunahme des physiologischen und psychologischen Wirk
lichkeitsinnes, eine Erweiterung des Stoffkreises und ein
Erstarken der Darstellungskunst. Wenn aber der Naturalis
mus die Forderung gestellt und durchzuführen versucht hat,
das Zuständliche („Milieu“) somit auch das äußere Erschei
nungsbild der Gestalten, erschöpfend darzustellen, so war
das eine verhängnisvolle Verkennung des Wesens der Dicht
kunst und der Leistungsfähigkeit ihrer Mittel. Es war ein
verhängnisvoller Wahn, der versucht hat, die Welt des Zu-
ständlichen und Körperlichen durch minutiöses Malen mit
den Mitteln der Poesie zu zwingen, ein literarisches Danaiden-
stück: die Folge einer ästhetischen Irrlehre, der Irrlehre vom
durchgängigen Anschauungscharakter der Poesie, die die
Möglichkeiten bildender und redender Künste verwechselte.
Die Poesie ist zunächst eine Kunst der Sprache,
des Wortes, und nicht eine Kunst innerer Sinnenbilder,
als deren bloßes Vehikel die Sprache fungiert. Ihr Mittel
ist das Wort, nicht das innere Sinnenbild. „Das haupt
sächlichste Merkmal der Sprache ist nun aber die
Geistigkeit und Gedankenhaftigkeit sowohl ihrer Vor
stellungsinhalte als der in ihr geübten Beziehungstätig-
*) Biernatzkis Volksb. 1850. S. 64 ff.

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