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forschung und Textgeschichte auch den neuesten Autoren
gegenüber zu erfüllen. Einer vielfach sich breitmachenden
Auffassung gegenüber, welche die Möglichkeit einer Ver
einigung streng wissenschaftlicher Schulung und künst
lerischen Empfindens nicht begreifen will, ist das nicht genug
zu betonen. Die Fähigkeit künstlerischen Nachempfindens
ist gewiß eine köstliche Gabe, sie allein bietet uns den
Schlüssel, der uns das Innerste eines Kunstwerkes öffnet,
sie allein stellt die persönliche Verbindung her zwischen
Dichter und Leser. Und diese Fülle kongenialer Gedanken,
Stimmungen und Empfindungen, die unter der Berührung
des dichterischen Zauberstabes erwacht, ist gewiß der wich
tigste seelische Ertrag, den der Genuß eines Kunstwerkes
abwirft. Aber diesen seelischen Gewinn sollte man im ge
heimen hüten und bewahren; man sollte mehr religiöse
Zurückhaltung üben auch den Werken der Kunst gegenüber,
statt unter Verurteilung wissenschaftlicher Akribie in das
gegenteilige Extrem zu verfallen. Künstlerisches Nach
empfinden für sich allein ist nicht im Stande, als Fundament
wissenschaftlicher Forschung zu dienen. Nur der Bund
wissenschaftlicher Schulung und künstlerischen Empfindens
bringt ersprießliche Resultate hervor. Daraus ergibt sich
für die literaturgeschichtliche Forschung die Aufgabe, zuerst
die philologische Einzelarbeit am dichterischen Kunstwerk
zu leisten, mit Ehrfurcht auch vor dem Geringen, aber im
Aufblick zum Ganzen.
Quellenkunde treiben wir nicht, um die Größe eines
Dichters zu beschneiden (indem wir nachweisen, daß dieses
oder jenes stoffliche Element nicht sein eigen) sondern viel
mehr um sie-'zu steigern, indem wir nachweisen, was sein
Künstlergeist aus Rohmaterial geschaffen. Freilich kann,
was den Großen zum Ruhme, den dii minorum gentium zur
Schmach werden. Die Quellenforschung liefert uns gleich
der Textgeschichte wichtige Materialien zur Psychologie
dichterischen Schaffens und Reifens.

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