Full text: Colley Cibber's Tragicomedy "Ximena or the Heroick Daughter" und ihr Verhältnis zu Corneilles "Cid"

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so kann natürlich nicht diese Tatsache an sich, sondern bloß ihre 
künstlerisch gelungene Gestaltung das rechtfertigen. Daß Gormaz 
der Schuldige ist, daß durch Rodrigo nicht im wilden Streite, 
sondern im ehrlichen Zweikampf die Beschimpfung seines greisen 
Vaters gesühnt wird, ist zwar für die Beurteilung des Schlusses 
wichtig, aber das wichtigste nicht. Die inneren Seelenvorgänge 
Chimenens allein enthalten diese letzte Rechtfertigung. Corneille 
hat es eben verstanden, in diese Geheimnisse hineinzudringen 
und sie in Worte zu kleiden. Er schildert uns Ximenas große 
Seelenfolter; er zeigt uns ihre unveränderliche Liebe zu dem Manne, 
den sie ihres Vaters halber verfolgt; er zeigt sie uns in ihrer 
Ohnmacht und ihrem Jammer bei der ihr vorgetäuschten Kunde 
vom Tode des Cid. Sollten wir nun noch nicht imstande sein, 
nach solch erschütternder Beredsamkeit den Bund Chimenens mit 
Rodrigo als den Willen des Schicksals zu betrachten und nicht 
endlich vergessen können, daß Chimene in ihm den Mörder ihres 
Vaters umarmt? 
Freilich gehört ein tiefes, von Aeußerlichkeiten unbeirrtes 
Empfinden, ein Sich-Versenken in die Gedanken Corneilles dazu, 
um dieser Auffassung folgen zu können. Von dem Lustspieldichter 
und Komiker Cibber — ohne ihm übrigens damit irgendwie 
nahe treten zu wollen war das aber nicht vorauszusetzen. 
Wohl reizt ihn der Stoff an sich, den er bei Corneille findet, 
diese Kollision von Liebe und Ehre, die so einfach zum Ausdruck 
gebracht wird; das Tragische des Konfliktes gefällt ihm, das 
muß Eindruck machen, auch auf der roheren englischen Bühne. 
Aber in der Lösung des Konfliktes vermag er Corneille nicht zu 
folgen. In dieser kommt ihm nur die doppelte Dissonanz zum 
Bewußtsein, die alle Eindrücke übertönt: Der Vatermord, der nicht 
vergeben werden kann, wird doch vergeben, und zwar nach 
Jahresfrist, als ob die Zeit in diesem absoluten Mißton ein 
wesentliches Moment wäre! Diese schrillen Töne müssen heraus, 
so daß das Ganze in einen zwar bestimmten, aber weichen, be 
ruhigenden Akkord ausklingt; ganz im Geiste seiner Zeit wünschte 
Cibber der Geschichte einen glücklichen Ausgang zu geben, 
geradeso wie Garrick im „Romeo.“ 
Als gewandter Lustspieldichter kommt er nicht in Verlegenheit 
wegen der Art dieser Lösung. Nach all den endlosen Threnodien 
ist Gormaz doch am Leben geblieben; Alvarez steckt die Ohrfeige
	        
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