Full text: Colley Cibber's Tragicomedy "Ximena or the Heroick Daughter" und ihr Verhältnis zu Corneilles "Cid"

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zu ermöglichen, indem sie selbst auf Rodrigo verzichtet und 
Chimene beredet, von ihrer Rache gegen diesen abzustehen. 
Hieraus erhellt am besten, was das für eine Art Leidenschaft 
sein muß, die verständig genug ist, sich selbst die helfende Arzenei 
zu verordnen, und die in solcher Selbstüberwindung nichts Bitteres 
sondern noch die Beseligung einer edlen Tat schmeckt. Eine 
Leidenschaft, die das vermag, ist höchstens einem Feuer gleich, 
an dem man sich behaglich wärmt und träumt. Weil sie keine 
Leidenschaft ist, so ist auch der Edelmut, der sie überwinden 
soll, kein Edelmut mehr. Geradezu lächerlich muß uns die 
Großherzigkeit berühren, mit der sie Rodrigo und Chimene ver 
eint und damit letzterer gibt, was sie nie besessen: 
„Seche tes pleurs, Chimene, et regois sans tristesse 
Cegenereux vainqueur des mains deta princesse.“ (v. 1774 ff.) 
(Vergl. auch vv. 62 ff. und 82 ff.) 
Es ist dieses gewaltsame Ineinanderschieben von Haupt- und 
Nebenhandlung eine kühne Konstruktion des Dichters, die aber 
droht, in sich selber zusammenzufallen, da jeglicher Unter 
bau fehlt, auf dem die aufeinander zustrebenden Pfeiler ruhen 
könnten. 
Mit den bisher gemachten Ausführungen sind auch im 
wesentlichen die Gründe angegeben, durch welche Kritiker, Heraus 
geber und Theaterdirektoren veranlaßt wurden, die Rolle der Infantin 
im „Cid“ teilweise oder sogar ganz zu streichen. x ) Wenn aber ein 
derartiges Herausheben einer ganzen, ziemlich umfangreichen Rolle 
überhaupt möglich ist, ohne der Handlung den geringsten Eintrag 
zu tun, so ist damit schon der Beweis geliefert, daß die Rolle 
überflüssig ist. 
Napoleon I., der — wie bereits bemerkt — eine große 
Vorliebe für den „Cid“ hegte, ließ denselben am Neujahrstage 
1806 zu Saint-CIoud in der ursprünglichen Form aufführen. Der 
Mißerfolg jedoch war ein so entschiedener, daß seitdem in Frank 
reich die Rolle der Infantin nicht wieder auf die Bühne ge 
kommen ist. 
Diese Bemerkungen schienen mir nötig, um die kritischen 
Ausführungen Cibbers näher beleuchten zu können. 
0 J. B. Rousseau in seiner „Restitution du Cid“ ging sogar schon 
soweit, mit der Rolle der Infantin auch die der Leonore und des Pagen 
ganz fort zu lassen.
	        
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