Full text: Colley Cibber's Tragicomedy "Ximena or the Heroick Daughter" und ihr Verhältnis zu Corneilles "Cid"

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zu geben. Eine weitere Antwort dürfte vielleicht in einer Be 
merkung zu finden sein, die kein anderer als Napoleon I. im 
Zusammenhang mit dieser Frage gemacht hat. Bei Gelegenheit 
einer Aufführung des „Cid,“ in der man die Rolle der Infantin 
gestrichen hatte, brachte er sein lebhaftes Bedauern über diese 
Streichung zum Ausdruck und leugnete durchaus, daß diese Rolle 
unnütz sei, indem er behauptete: „Le röle de l’infante est fort 
bien imagine; Corneille a voulu nous donner la plus haute idee 
du merite de son heros, et il est glorieux pour le Cid, d’etre 
aime ä la fois par la fille de son roi et par Chimene.“ 
Es ist gewiß möglich und recht wohl denkbar, daß Corneille 
beabsichtigte, den Charakter Rodrigos durch die doppelte Liebe 
der Infantin und Chimenens zu heben, wie auf der andern Seite 
den Charakter Chimenens durch die doppelte Liebe Rodrigos und 
Sanchos. „Der hohe Wert des Helden, des vom Himmel Geliebten, 
wird dadurch, daß eine Königstochter ihn begehrt, in volleres 
Licht gesetzt.“ (Schlegel) In der Tat war es schon bei den 
Dichtern der „chans ons de geste“ ein beliebtes Mittel, die Größe 
ihres Helden dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß sie zwei 
oder gar noch mehr Damen sich in ihn verlieben ließen. 
Welche Absicht nun auch Corneille zur Beibehaltung der 
Rolle der Infantin bestimmt haben mag, es bleibt eine unleugbare 
Tatsache, daß der Charakter derselben im „Cid“ weit weniger 
lebendig und abgerundet erscheint, als in seiner Vorlage. De 
Castro hat es wohl verstanden, der Urraqua lebenswahre Zuge 
zu verleihen, und bei ihm ergibt sich die Existenzberechtigung 
dieser Rolle von selbst aus ihrer Wichtigkeit für den ganzen Aufbau 
der Handlung. 
Im Hinblick auf die später noch zu erörternden Bemerkungen 
Cibbers, der gleichfalls in längeren kritischen Darlegungen Stellung 
zu dieser Frage nimmt, dürfte es vielleicht nicht unangebracht 
sein, auf die Rolle der Infantin im „Cid“ des Castro etwas näher 
einzugehen. 
Bei Castro tritt uns Urraqua entgegen als ein liebebedürftiges 
Weib, das, von ihrer Umgebung vernachlässigt, vom eigenen 
Bruder gehaßt, einsam und verlassen steht und nach einem 
Beschützer sucht. Da wird sie Zeuge, wie der stattliche, jugend 
frische Held Rodrigo in Gegenwart des ganzen Hofes zum 
Ritter geschlagen wird; sie selbst muß ihm dabei die goldenen
	        
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