Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

2. Die Kaiser aus dem Hause Hohenzollern. 
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Vorsätzen in sein Amt getreten. Aber cs war in Gottes Ratschluß 
anders beschlossen; immer mehr sanken die Kräfte des edlen Dulders; 
mit rührender Geduld zeigte er der Welt das Schwerste, was ein 
Mensch vermag, nämlich „zu leiden, ohne zu klagen". Die Sprache 
war ihm bereits lange geschwunden; nur schriftlich konnte der un 
glückliche Fürst noch mit seiner Umgebung verkehren, und endlich 
hauchte er am 15. Juni 1888 seine edle Seele aus. Unnennbarer 
Schmerz ergriff bei seinem Tode die Gemüter von jung und alt, 
reich und arm; die ganze Welt umstand mit ihrer erschütternden 
Klage den Sarkophag des unvergleichlichen Fürsten; das Andenken 
an seine Regierung wird, so kurz dieselbe auch gewesen, nicht aus 
dem Gedächtnis seines Volkes schwinden! 
Am 15. Juni 1888 bestieg den deutschen Kaiserthron der jetzt 
regierende Kaiser Wilhelm II., Friedrichs III. Sohn, der in 
trefflichster Weise durch die sorgfältige Fürsorge seiner Eltern aus 
seinen hohen Beruf vorbereitet und durch die herben Schicksals 
schläge des letzten Jahres mit tiefem, männlichem Ernst erfüllt worden 
war. Er ist geboren den 2 7. Januar 1859 und wurde zunächst 
von dem Geheimrat Or. Hintzpcter erzogen. Später besuchte er 
das Gymnasium in Kassel und darauf nach abgelegter Prüfung die 
Universität Bonn. In gleich gewissenhafter Weise wie seine geistige 
Ausbildung wurde seine militärische Erziehung gehandhabt, der er 
sich mit besonderer Gewissenhaftigkeit unterwarf. Im Jahre 1881 
vermählte er sich mit der Prinzessin Auguste Viktoria von Schles- 
wig-Holstein-Augustenburg, einer Tochter des Herzogs 
Friedrich VIII. (s.S. 300). Aus dieser Ehe sind bisher 6 blühende 
Söhne und eine Tochter entsprossen. Im Alter von 29 Jahren kam 
der junge Hohenzollernsproß zur Regierung, und mit welcher Hingabe 
er seine Herrscherpflicht auffaßte, zeigte sein Wort, daß er wie sein 
großer Ahnherr Friedrich sich als den ersten Diener des Staates 
betrachte. „Auf den Thron meiner Väter berufen," so 
sagte er in seiner Ansprache an das Volk vom 18. Juni 1888, 
„habe ich die Regierung im Aufblick zu dem König 
aller Könige übernommen und Gott gelobt, nach dem 
Beispiel meiner Väter meinem Volke ein gerechter 
und milder Fürst zu sein, Frömmigkeit und Gottes 
furch tzu pflegen, den Friedenzu schirmen, die Wohl 
fahrt des Landes zu fördern, den Armen und Be 
drängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter 
zu sein." Als er den ersten Reichstag nach seiner Thronbestei 
gung am 25. Juni eröffnete, eilten sämtliche deutsche Fürsten nach 
der Reichshauptstadt und verkündeten damit der Welt, daß das 
Deutsche Reich durch den Heimgang der beiden Gründer nicht ins 
Wanken gekommen war. Der junge Kaiser zeigte durch die stete
	        
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