Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

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IV. Die neueste Zeit. B. Das zweite Interregnum. 
Geldentschädigung begnügen. Als man darauf von deutscher Seite 
nicht einging, hatte der Krieg seinen Fortgang. Die bei Sedan 
siegreichen deutschen Truppen schlugen den Weg nach Paris ein; 
Mitte September standen sie vor der „Weltstadt" und schlossen sie mit 
300 000 Mann ein. In den Prachtsälen von Versailles, wo 
die Wandgemälde prunkend an allen Ruhm Frankreichs erinnerten, 
schlug der preußische Heldenkönig mit seinem Generalstab seinen Sitz 
auf, eine Wandlung der Geschicke, wie die Weltgeschichte kaum eine 
ähnliche zu verzeichnen hat. 
Das republikanische Frankreich entfaltete eine Willenskraft, wie 
man es nach den vorausgegangenen Ereignissen nimmermehr er 
wartet hatte. Neue Heere mußten geschaffen werden; das allgemeine 
Aufgebot wurde von Gambetta, dem heißblütigen, leidenschaftlichen 
Advokaten ans Südfrankreich, erneuert; die ganze männliche Be 
völkerung bis zum Alter von vierzig Jahren wurde als erstes, 
zweites und drittes Aufgebot unter die Waffen gerufen, ganz Frank 
reich in ein Kriegslager verwandelt. Während Paris unter der 
Leitung des Oberbefehlshabers Trochu eine wunderbare Wider 
standsfähigkeit entwickelte und sich den größten Entbehrungen und 
Anstrengungen unterzog, — es verkehrte mit Frankreich nur noäi 
durch Brieftauben und Luftballons — bildeten sich im Norden und 
an der Loire große Heerkörper, welche die Hauptstadt entsetzen und 
die „Barbaren" von dem „heiligen Boden" Frankreichs vertreiben 
sollten. Selbst der Fall von Straßburg, welches der tapfere 
Kommandant U h r i ch, gezwungen durch das furchtbare Bombarde 
ment gegen Stadt und Festungswerke, am 2 8. September dem 
deutschen Belagerungsheer unter General von Werder übergeben 
mußte, und die Kapitulation der ausgehungerten Stadt Metz am 
2 7. Oktober, wodurch 173 000 französische Krieger in deutsche 
Gefangenschaft gerieten und unendliche Beute an Geschütz, Waffen, 
Pferden und Kriegsvorräten aller Art gewonnen ward, vermochten ; 
den Widerstand der Regierung und den Kriegsmut der Hauptstadt 
uicht zu brechen. 
Der Einnahme von Straßburg und Metz folgte diejenige von 
Toul, Verdun, Schlettstadt, Diedenhofen und anderer 
kleinerer Festungen, und jetzt konnten die Truppen, welche bisher 
die Belagerung ausgeführt hatten, für den Kampf im Westen ver 
wandt werden. General von der Tann war mit den Bayern 
bis zur Loire vorgedrungen und hatte Orleans eingenommen; 
allein die von Gambetta aufgebotenen Streitkräfte zwangen ihn, die 
Stadt wieder zu räumen, und letztere bereiteten sich darauf vor, Paris 
zu entsetzen. Da erschien der Großherzog Friedrich Franz von 
Mecklenburg mit Verstärkungen und gleichzeitig Prinz Friedrich 
Karl mit einem Teil der Armee von Metz, und nun wurden die
	        

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