Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

306 IV. Die neueste Zeit. B. Das zweite Interregnum. 
lilisch noch nicht gegründet, war in die Herzen des Volkes gegraben 
und kein Traum- und Nebelbild mehr. Wohl hatte man sich an 
der Seine mit der geheimen Hoffnung getragen, die süddeutscken 
Staaten würden mit Frankreich wider Preußen gemeinsame Sache 
machen; aber diese Hoffnung erwies sich glücklicherweise als Täu 
schung. Bayerns König, Ludwig II., stellte sich rasch 
auf die Seite des Norddeutschen Bundes und mit ihm sein Volk, 
ebenso Württembergs König, K arl, und die biedern Schwaben. 
Von Badens Großherzog, Friedrich, einem Schwiegersöhne 
des Königs von Preußen, und dessen gut deutsch gesinnten Unter 
thanen hatte es niemand anders erwartet. Auch Großherzog 
Ludwig III. von Hessen folgte dem Rufe des Vaterlandes. 
Auf den 19. Juli, den Todestag der Königin Luise, berief 
der König den Reichstag des Norddeutschen Bundes. Dort machte 
Graf Bismarck die Mitteilung, daß ihm am selben Tage die 
amtliche Kriegserklärung zugestellt worden sei. Ein ungeheurer 
Sturm der Begeisterung folgte diesen Worten; freudig wurden die 
nötigen Mittel zur Kriegsführung bewilligt. Die Losung, welche 
einst Arndt den deutschen Wehrmännern gegeben: „Zum Rhein! 
Übern Rhein! Alldeutschland in Frankreich hinein!" kam wieder zur 
Anwendung. Überall klang Max Sch necken bürg er s „Wacht 
am Rhein"; was deutsch war in den fernsten Winkeln der Erde, 
das jubelte und sandte gleich den zurückbleibenden Deutschen in der 
Heimat Geld und Liebesgaben für die Truppen im Felde. Wie 
im Jahre 1813 vereinte sich auch jetzt wieder Frömmigkeit mit 
Vaterlandsliebe und Kanipfesmut in der Brust der deutschen Sol 
daten und stärkte die todesmutige Begeisterung für die Sache des 
Vaterlandes. Preußens König ordnete einen außerordentlichen all 
gemeinen Bettag auf den 27. Juli an; in allen Kirchen wurde die 
Hilfe des Lenkers der Schlachten angefleht. In ganz besonderer 
Weise wußte König Wilh elm zur Tapferkeit anzuspornen durch 
Erneuerung des Ordens des „Eisernen Kreuzes." 
Glänzend bewährte sich die preußische Heereseinrichtung. Ob 
gleich niemand an einen bevorstehenden Krieg gedacht hatte, stand 
doch das deutsche Heer in wenig Tagen marschbereit und befand 
sich mit dem französischen, das lange vorher gerüstet worden war, 
gleichzeitig an der Grenze; der beabsichtigte Einfall der Franzosen 
in Deutschland mußte unterbleiben. Dagegen rückten nun die 
deutschen Streitkräfte, gegen 400000 Mann stark, in drei Heeres 
säulen über die französische Grenze. Die erste Armee unter dein 
General von Steinmetz stand an der Saar und der Mosel, 
die zweite unter dem Prinzen Friedrich Karl in der Rh ein - 
pfalz und die dritte, bei welcher sich die süddeutschen Trup 
pen befanden, unter dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm an der
	        

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