Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

256 HI. Die neue Zeit. i\ Das Zeitalter Friedrichs des Großen. 
Allmählich drangen die Erzeugnisse der Kunst und Wissenschaft 
auch in das Volk ein. Die jüngere Welt betrachtete die schönen 
Künste nicht mehr blos als angenehmen Zeitvertreib, sondern er hoffte 
von ihrem Einfluß edlere Gefühle und freiere Sittlichkeit. Nicht 
gering war die Zahl ehrenwerter Zeitschriften, welche die neuen 
Entdeckungen der Wissenschaft berichteten. Die Zeitungen, deren 
erstes Auftreten in den Anfang des vorigen Jahrhunderts fällt, er 
schienen zwar noch in der einfachsten Gestalt, doch bereits regelmäßig 
und ersetzten die alten „fliegenden Blätter" (s. S. 130) und die 
sogenannten „Postreuter", die seit dem 16. Jahrhundert alljähr 
lich erschienen waren und unter dem Holzschnitt eines Postreiters die 
Ereignisse des verflossenen Jahres in gedrängter Übersicht berichteten- 
Die bildenden Künste, Malerei und Bildhauerei, hatten in 
dieser Periode keine hervorragenden Vertreter und darum auf das 
Aussehen der Städte und die Gestaltung der Bürgerhäuser noch 
wenig Einfluß. Wenn auch eine größere Ordnung in die Städte 
eingekehrt, die Düngerhaufen und Viehställe von den Straßen ver 
schwunden waren, so standen dort doch die Häuser schmuckloser und 
weniger zahlreich als vor den großen Kriegen. Mit spitzem Giebel sahen 
sie noch immer auf die Straße, und zwischen den Häusern gossen 
weit vorspringende Dachrinnen ihr Wasser auf das schlechte Pflaster, 
das aus Feldsteinen kunstlos zusammengesetzt war. Am liebsten 
verzierte man die Giebel und Dächer mit allerlei Schnörkeln und 
Arabesken, die man selbst auf den Möbeln der Zimmer anbrachte 
(Rokokostil). Der nüchterne, verständige Sinn, der die Bürger in 
folge der Kriege ergriffen, hatte auch die Freude daran verloren, die 
öffentlichen Gebäude zu schmücken; sie wurden von ihnen als ein 
notwendiges Übel betrachtet, ohne Teilnahme und Selbstgefühl- 
Auch die Räume des Bürgerhauses waren schmucklos; die Fußböden 
von gehobelten Brettern hatten keine andere Zier als di^ Reinheit 
der Holzfarbe, welche durch unaufhörliches Waschen erhalten wurde; 
sie wurden fast regelmäßig mit weißem Sand bestreut. In den 
Stuben schätzte man besonders eine einfache, dauerhafte Einrichtung, 
unter welcher die Kommode eine neue Erfindung bildete. An den 
Wänden waren Malereien ungewöhnlich; neben der getünchten Kalk 
wand fanden sich schon Papiertapeten. Die Freude der Hausfrau 
war kupfernes oder zinnernes Gerät; neben dem Zinn wurde bereits 
das kostbare Porzellan als Schmuck aufgestellt. Wie in den Formen 
der Wohnhäuser und Geräte, so war man auch in der Kleidung 
von dem Farbenreichtum und dem Prunk früherer Zeiten (s. S- 211) 
zu größerer Einfachheit und Nüchternheit gelangt. Die Perücke wurde 
allmählich durch den Zopf verdrängt; der Bürger gewöhnte sich an 
dunkle Farben in seiner Tracht, und nur der Degen zeichnete den 
vornehmeren Mann vor den niederen Ständen aus.
	        
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