Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

4. Das deutsche Geistesleben zur Zeit Friedrichs des Großen. 253 
darunter zeitweilig der berühmte Dichter Voltaire, den er freilich 
bereits nach einem Jahre wegen seiner gemeinen Gesinnungsweise 
von seinem Hofe wieder entfernte. 
Bei seinem Tode am 17. August 1786 hinterließ Friedrich ein 
Land von 3500 Quadratmeilen mit 6 Millionen Einwohner. Für 
die Verwirklichung seines Wunsches, den er in seinem Testament 
geäußert hatte: „Möge Preußen in höchster Blüte bis an das Ende 
der Jetten dauern!" hatte er einen weiteren bedeutsamen Schritt 
gethan. Da er kinderlos war, wurde der Sohn seines Bruders, 
Friedrich Wilhelm II. (1786-1797), sein Nachfolger. 
4. Das deutsche Geistesleben ;ur Zeit Friedrichs des Großen. 
Wie Ludwig XIV. im 17. und zu Anfang des 18. Jahr 
hunderts durch sein verderbliches Beispiel die Fürsten und Völker 
Europas zur Nachahmung verleitet hatte, also daß das ganze Zeit 
alter nach ihm seinen Namen trägt, so wirkte umgekehrt Friedrichs 
des Großen glänzendes Vorbild wieder bessernd ein, und man 
nennt daher die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit Recht 
das Zeitalter Friedrichs des Großen. Er hatte zuerst wieder die 
Aufgabe der Fürsten recht begriffen, Beglücker des Volkes zu sein; 
die überall auftauchenden neuen Anschauungen über Menschenwohl 
und Freiheit von drückenden, mittelalterlichen Fesseln fanden in ihm 
einen bereitwilligen Förderer. Durch seine Bethätigung des Grund 
satzes: „Ich bin der erste Diener des Staates!" stellte er 
sich in lebhaften Gegensatz zu dem selbstsüchtigen, willkürlichen Re 
giment jenes französischen Königs; durch seine Vorliebe für die 
edlere Beschäftigung mit der Wissenschaft und den schönen Künsten 
wirkte er veredelnd auf das wüste Hofleben seiner Zeit. Es be 
gann ein aufgeklärtes, menschliches, für Volkswohl und Volksbil 
dung begeistertes Streben, und einzelne deutsche Fürstenhöfe, wie 
der Weimarer unter der Herzogin Amalia und ihrem reich- 
begabten Sohn, Karl August, wurden die Sammelplätze der 
größten Geister des Jahrhunderts, an denen es so reich war, daß 
wan es als die zweite Blütezeit des deutschen Geisteslebens 
ansieht (s. S. 87). 
Besonders durch Friedrichs ruhmreiches Wirken war dem geistigen 
Leben in Deutschland eine lebhafte Anregung gegeben worden. Die 
deutsche Litteratur nahm einen kräftigen Aufschwung infolge des 
belebenden Hauches, der von Preußens Thron über das deutsche 
Vaterland wehte. Der König selbst hatte zwar mit der deutschen 
Sprache und Litteratur, welche damals im Vergleich mit der fran 
zösischen und englischen noch auf einer niedrigen Stufe stand, nicht 
gern zu thun; aber er erfreute sich doch der Hoffnung auf ein baldiges
	        

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