Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

216 III. Die neue Zeit. E. Brandenburg-Preußens Emporwachsen. 
2. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst. 
Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst (1640—1688), war 
der einzige Sohn seines verstorbenen Vaters und bestieg als zwanzig 
jähriger Jüngling den Thron desselben. Er hatte eine sorgfältige 
Erziehung genossen und vollendete seine wissenschaftliche Ausbildung 
auf der Universität Leyden. In Holland kam er auch an den 
Hof des ausgezeichneten Kriegers und Staatsmannes Friedrich 
Heinrich von Oranien, des Statthalters der Nieder 
lande. Er sah, wie unter dessen Leitung ein kleiner Staat mächtig 
geworden war durch Ordnung und Gesetze im Innern, durch Handel 
und Kolonien, durch Gewerbthätigkeit, Kunst und Wissenschaft. Das 
mußte frühzeitig in ihm den Entschluß erwecken, auch in seinem Lande 
dereinst die Keime solch ruhmvollen Gedeihens zu legen. So kehrte 
der junge Prinz mit großen Anschauungen in seine Heimat zurück. 
In allen Versuchungen, die in der damals so üppigen Zeit an ihn 
herangetreten waren, hatte er sich die Reinheit des Herzens bewahrt; 
er war einst, als seine leichtsinnige Umgebung ihn mit ihrer Ver 
führung gar zu arg bedrängte, in das Lager des Statthalters von 
Oranien geflohen, so daß dieser voll Anerkennung ihm mit den Worten 
auf die Schulter klopfte: „Eine solche Flucht ist heldenmütiger, 
als wenn ich eine Stadt eroberte." In Holland lernte er auch seine 
spätere Gemahlin, die edle, fromme Luise Henriette, Tochter des 
Prinzen von Oranien, kennen, bekannt durch das von ihr ge 
dichtete Kirchenlied „Jesus, meine Zuversicht." 
Als er die Regierung antrat, befand sich sein Land infolge der 
kriegerischen Wirren in der traurigsten Lage. Mit scharfem Blick 
erkannte er jedoch seine nächste Aufgabe, nämlich ein stehendes 
Heer zu schaffen, wie Frankreich, Schweden und Österreich es 
bereits besaßen. Bei der Unsicherheit der Landesgrenzen in der da 
maligen Zeit mußten fortwährend Truppen zur Verfügung stehen. 
Man verlängerte daher die Dienstverpflichtung der Söldner, welche 
sich früher (s. S. 145) immer nur auf kurze Zeit, oft nur für einen 
bestimmten Kriegszug verdungen hatten, mehr und mehr, endlich bis 
zu einer Reihe von Jahren. So vollzog sich allmählich der Über 
gang vom Söldnerheer zum stehenden Heer. Friedrich 
Wilhelm bildete den Grundstock seines Heeres, das als die Grund 
lage der heutigen preußischen Armee anzusehen ist, aus den Be 
satzungen der brandenburgischen Festungen, indem er von ihnen den 
Eid der Treue forderte und diejenigen, die ihn nicht leisten wollten, 
entließ. So gewann er ein kleines Heer von anfänglich nur 3000 
Mann, das er aber von Jahr zu Jahr vergrößerte, so daß es beim 
Abschluß des westfälischen Friedens bereits 8000 Mann zählte. Die 
Truppen bestanden fast ausschließlich aus Landeskindern. Um sein
	        
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