Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

7. Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges. 
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, e, Scharen von Bettlern und allerlei Diebsgesindel, um 
| u Plündern und zu rauben, und durchzogen als „Marodeure" das 
^r»d. Weiber entliefen ihren Männern, Kinder den Eltern. Das 
<>olk war durch den langen Krieg verwildert. Schulen und Kirchen 
llanden verödet; Prediger und Lehrer waren teils vertrieben, teils 
Abtötet. Finsterer Aberglaube lastete auf dem Volk. Besonders 
war der Hexenglaube allgemeiner geworden, und die daraus hervor 
tuenden scheußlichen Hexenprozesse nahmen überhand. Roher und 
wilder wurde die Vergnügungssucht. Die Gewohnheiten, Laster und 
Krankheiten der durchziehenden Heere blieben vielfach zurück. Das 
^ranntweintrinken, das besonders seit dem Bauernkriege in das 
tatsche Volk mehr und mehr eingedrungen war, wurde ein gewöhn 
tes Laster. Ebenfalls wurde das Tabaksrauchen durch die frem- 
tn Kriegsknechte allgemein verbreitet. 
, Fremde Moden, welche man den Soldaten oder den umher- 
seisenden Hofleuten absah, verbreiteten sich. Seit dem Dreißig- 
Dngen Krieg beginnt vorzugsweise die Nachahmung des franzö- 
Rchen Wesens, namentlich in der Kleidertracht. Kurze Spitzbärte, 
t Haar verdeckt in einer riesigen Lockenperücke oder in einen Zopf 
Uammengebunden, große Schlapphüte, Stiefel mit übermäßig weiten 
Pulpen und großen, oft pfundschweren Sporen, lächerlich bebänderte, 
tschlitzte und gepuffte Männerkleider, weite Reifröcke der Frauen 
^hd Schnürleiber — das alles wurde von jetzt an Mode. In 
sten der schmucklosen Städte erhoben sich die fürstlichen Lust- 
Ichlösser nach französischem Muster in seltsamem, geschmacklosem 
barockem) Stil, und kriechend drängte sich alles heran, um die 
Mauzenden Hoffeste zu sehen, während die frohen Volksfeste ver 
kümmerten. Dazu kam durch das fremde Kriegsvolk eine Sprach- 
wengerei ohnegleichen in Deutschland auf. Ein Heer von italie- 
Pschen, spanischen, französischen und lateinischen Wörtern drängte 
"ch mit den vielen fremdländischen Kriegern in Deutschland ein. 
Die Poesie verstummte in dieser traurigen Zeit fast gänzlich; 
"ur die frommen Kirchenlieder eines Paul'Gerhard u. a., 
vwie die Volkslieder ertönten und trösteten das Volk in der 
schweren Leidenszeit. 
In politischer Beziehung war Deutschland zerrissener denn je. 
Macht und das Ansehen des Kaisers war zu einem Schatten 
herabgesunken. Die Fürsten waren selbständiger geworden; sie 
konnten fortan auf eigne Hand Bündnisse schließen und Kriege 
unternehmen. Dadurch war das Band der Einigkeit gelockert, so daß 
^ den Nachbarvölkern leicht wurde, Deutschland zu zerstückeln. 
Außer den Ländern des Kaisers bildeten fast nur die Marken 
Brandenburgs und Teile von Kursachsen eine größere, zusammen 
hangende Einheit. Im übrigen Deutschland lagen mehrere tausend
	        
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