Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

210 UI. Die neue Zeit. D. Der Dreißigjährige Krieg. 
die Pest und das Schwert des mordgierigen Kriegers unter den 
Einwohnern. Die Grafschaft Henneberg in der Mitte Deutsch 
lands hatte in der letzten Hälfte des Krieges von 60 000 Einwohnern 
ca. 40 000 verloren; von 12000 Häusern waren 8000 niederge 
brannt. In Berlin, das vor dem Kriege 6000 Einwohner zählte, 
war nach demselben nur der vierte Teil übrig; 200 Häuserstellen 
lagen wüste; andere Gebäude waren nur zum Teil erhalten. Zn 
Böhmen verschwanden 1000 Dörfer gänzlich, so daß man von 
vielen ihre Stätte nicht mehr weiß; in Württemberg waren 
40 000 Häuser verbrannt. Die Einwohnerzahl Deutschlands war 
nach dem Kriege von 18 auf 8 Millionen herabgesunken. Zwei 
Jahrhunderte sind nötig gewesen, um die Wunden, die der unselige 
Krieg Deutschland geschlagen hatte, ganz wieder zu heilen. 
Handel und Gewerbe waren durch die endlosen Kriegszüge, die 
Deutschland von einem Ende bis zum andern durchtobten, in ihrer 
Blüte geknickt. Die Unsicherheit der Landstraßen durch umherziehende 
Banden bewirkte, daß der inländische Handel ganz daniederlag. 
Die einst so mächtige Hansa, deren Weltstellung bereits durch die 
Entdeckungen im 15. Jahrh, und durch die Kolonien Englands 
schwer erschüttert war, sank auf die Städte Hamburg, Lübeck 
und Bremen zusammen. Wismar hatte bis zum Jahre 1632 
einen Schaden von 200000 Thalern; innerhalb 6 Jahren war da 
selbst kein Anker gelichtet worden. In den zerstörten Städten und 
verwüsteten Dörfern begann erst nach langer Zeit der Gewerbfleiß 
wieder aufzublühen, erreichte aber in den wenigsten Fällen die vorige 
Höhe. Der Reichtum der früher so blühenden Handelsstädte, wie 
Magdeburg, Erfurt, Dortmund, Nürnberg, Augsburg, 
war vernichtet. Die meisten großen gewerblichen Anlagen, wie 
Bierbrauereien, Webereien u. s. w., waren eingegangen. In Augs 
burg gab es von 6000 Webereien nach dem Kriege nur noch 500; 
von der blühenden Stadt Soest sagt ein damaliger Chronist, daß 
sie „verwittert und menschenleer" zu Westfalens größtem Dorfe her 
abgesunken sei. Die Städte erhielten beim Wiederaufbau ein steifes, 
langweiliges Aussehen; die Baukunst verlor ihre deutsche Eigen 
tümlichkeit. Öffentliche Gebäude wurden nur wenig mehr aufge 
führt, und wo es geschah, waren sie ärmlich und nüchtern wie die 
Bürgerhäuser; der alte, kraftvolle Bürgersinn, der sich am wohler 
worbenen, schönen Besitz erfreute, war dahin. 
Durch die rohe Behandlung seitens der Soldaten, durch die 
wiederholte Zerstörung des kaum neu aufgeblühten Wohlstandes und 
durch die fortwährend erzwungene Verteidigung ihrer Besitztümer 
war in den meisten Dorf- und Stadtbewohnern allmählich die Lust 
an geregelter Thätigkeit erstorben, dagegen der Sinn für Kampf und 
Räubereien erwacht. Sie vermischten sich mit Banden entlassener
	        
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