Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

7. Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges. 209 
Soldatentrupp in ein Dorf oder eine kleine Landstadt einrückte, 
sprangen die Soldaten in die Häuser und suchten nach Schätzen. 
Mit großer Schlauheit wußten sie die geheimen Schlupfwinkel, in 
welche die armen Bewohner schon vorher soviel wie möglich ihre 
Habe zusammengetragen hatten, aufzufinden. Soldaten, Weiber 
und Troßbuben fielen wie Geier über das Geflügel im Hofe, über 
Truhen und Kisten her, schlugen die Thüren ein, durchsuchten Keller 
und Vorratskammern, und was sie nicht verzehren und rauben 
konnten, zerschlugen sie. Die Wagen wurden mit den Kleidern, 
Betten und dem Hausrat der Bauern vollgestopft, und was nicht 
in Sack und Pack fortgebracht werden konnte, das banden sie sich 
m den Rock und um den Leib. Fand man nichts oder nicht genug, 
so wurden die gräßlichsten Qualen angewendet, um die Einwohner 
zum Geständnis zu bringen, wo sie ihr Gut versteckt hatten. Die 
Plünderer schraubten die Steine von den Pistolen und zwängten an 
ihre Stelle die Daumen der Bauern; sie rieben ihnen die Fuß 
sohlen mit Salz ein und ließen sie von Ziegen ablecken; sie banden 
ihnen die Hände auf den Rücken, zogen mit einer durchlöcherten 
Ahle ein Roßhaar durch die Zunge und bewegten dasselbe langsam 
auf und ab; sie banden ein Seil mit Knoten um ihre Stirn und 
drehten es mit einer Kurbel zusammen, daß den armen Menschen 
das Blut aus Mund und Nase herausfloß; sie sperrten den Leuten 
gewaltsam den Mund auf und schütteten schmutziges Mistwasser hin 
ein u. s. w. Die schlimmen Mißhandlungen, die man an Frauen, 
Kindern und Greisen aus bloßer, roher Lust verübte, sind gar nicht 
alle aufzuzählen. 
Natürlich war eine Gegend, wo ein Heer eine Zeit lang ge- 
kagert hatte, bald eine Wüste. Noch lange nach Beendigung des 
schrecklichen Krieges war das Land überall verödet; Dörfer und 
Städte lagen in Asche; die Bewohner hatten die Heimat verlassen. 
Milde Tiere bevölkerten die verlassenen Gegenden und näherten sich 
kühn den menschlichen Wohnungen. In den ersten vierzig Jahren 
nach dem unseligen Kriege blieb im Norden Deutschlands ein volles 
Dritteil des vorher reich bebauten Landes wüste liegen. In manchen 
Gegenden gab es keine Menschen mehr, um die Leichen zu begraben; 
Hunger und Pest hatten ganze Strecken entvölkert. Von Kur 
sachsen nach Berlin ging ein Eilbote einen Tagesmarsch, ohne 
ein einziges Haus anzutreffen. Die Bilder der Hungersnot, welche 
stellenweise infolge der Verwüstung des Landes und der Überfüllung 
der Städte herrschte, waren schrecklich. Als in der mörderischen Schlacht 
bei Nördlingen ein Turm von den Belagerern eingenommen war 
und abgebrannt wurde, stürzten sich hungernde Weiber über die 
halbgebratenen Leichname der Feinde und trugen Stücke davon für 
ihre Kinder nach Hause. Neben der furchtbaren Hungersnot wüteten 
Böe, Deutsche Geschichte. 14
	        
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