Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

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I. Die älteste Zeit. A. Urgeschichte. 
Beisein ihrer Verwandten ihres Hauptschmuckes, des langen Haares, | 
beraubt und darauf vertrieben. Dahingegen achteten sie auf den 
Rat ehrbarer Frauen und horchten ihren Aussprüchen. Die Ehe | 
war ein heiliger Bund, welcher nicht einmal durch den Tod gelöst ! 
wurde, indem in den ältesten Zeiten die Gattin dem Manne frei- l 
ivillig in den Tod nachfolgte. Die Ehe wurde durch Ueberreichung 
gegenseitiger Geschenke geschlossen. Die Gaben des Bräutigams 
bestanden in Sklaven, Rindern, einem aufgezäumten Rosse, einem 
Schilde nebst Schwert und Lanze, sowie goldenen und silbernen ; 
Ringen; die Frau wiederum brachte ihrem Gemahl kriegerische 
Rüstung zu. Wenn auch anfangs die Vermählung gleichsam eine ! 
Art Kauf war, so erhielten die Geschenke doch bald eine symbolische 
Bedeutung. Rach der Verehelichung wurde der Frau das Haar, 
das sie bis dahin hatte frei herunter wallen lassen, aufgebunden 
zum Zeichen, daß die Freiheit, die sie bisher genossen, jetzt zu ] 
Ende sei. Der Ring an ihrem Finger bedeutete, daß sie jetzt nach | 
dem Wichen ihres Mannes sich zn richten habe. Sie stand ihm von 
nun an als treue Genossin in Glück und Unglück zur Seite. Sie 
besorgte daheim mit Kindern und Sklaven die Haus- und Feld- ! 
wirtschaft; sie folgte ihm auf seinen kriegerischen Zügen, trug ihm 
Speise und Trank zu und feuerte durch ihren" Zuspruch seinen 
Kampfesmut an. Es kam häufig genug vor, daß wankende 
germanische Schlachtreihen durch inständiges Flehen, durch Hin 
weisung auf die Schmach der Gefangenschaft, ja durch Beteiligung 
am Kampfe mit Schwert und Spieß von seiten der Frauen wieder 
hergestellt und zum Siege geführt wurden. 
Die neugeborenen Kinder der alten Germanen wurden zum 
Zeichen der Reinigung und Heiligung in Wasser getaucht. Darauf 
blieben sie bis zum zwölften Jahre unter der Obhut der Mutter 
und wurden sodann vorzugsweise vom Vater auferzogen. Der 
Knabe wurde in ernsten Waffenspielen geübt. Im fünfzehnten 
Jahre wurde er wehrhaft gemacht, d. h. ihm wurde öffentlich vor 
dem Volke, gewöhnlich bei den Gauversammlungen, die Wehr, 
das Schwert, überreicht. Dieser Tag war für den germanischen 
Jüngling der bedeutungsvollste seines Lebens; er durfte jetzt teil- j 
nehmen an den Kriegen und den Beratungen der Männer. Die 
Töchter dagegen blieben zu Hause; sie besorgten mit der Mutter 
namentlich das Spinnen und Weben der Gewandstoffe und die An- j 
fertigung der Kleider. 
Im Hause war der freie Mann unbeschränkter Herr über Weib, 
Kind und Gesinde, welch letzteres teilweise aus Leibeigenen bestand. 
Wenn er starb, so ward der älteste Sohn sein Erbe; er trat an die 
Spitze des Hauses und nahm den Ehrensitz des verstorbenen Vaters 
ein. Doch geschah dies erst am Tage nach der Beerdigung desselben.
	        

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