Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

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II. Das Mittelalter. E. Das erste Interregnum. 
wurde in ein Faß gestoßen und verbrannt. Der Mordbrenner wurde 
erst nach den furchlbarsten Martern den Flammen übergeben. 
Wie Beschränktheit, Unregelmäßigkeit und Flüchtigkeit der Bauten, 
so ist ferner auch Lichtmangel und Schmutz ein charakteristisches 
Merkmal der mittelalterlichen Stadt. Daß die engen, winkeligen, 
? O^r^-überbauten Straßen nur selten einem Sonnenstrahl den Zutritt ge- 
r statteten, läßt sich leicht denken; versetzt man sich dazu noch in die 
engen Häuser mit den kleinen, niedrigen, durch Borkräme versperrten 
Fenstern, auf die engen Stiegen und in die eingezwängten Höfe, so 
fühlt man sich selbst beim hellsten Sonnenschein von gruftartigem 
Dunkel und Modergeruch umgeben. Straßenbeleuchtung gab cs 
noch nicht. Nur bei. außerordentlichen Gelegenheiten, etwa wen» 
der König während der Nacht seinen Einzug hielt, oder in Zeiten 
großer Gefahr mußte jedermann vor seinem Hause eine Leuchte aus 
hängen. Wohlhabendere zündeten dann in eisernen Pfannen Schwefel 
ringe oder Tannenholz an, und es war, wie ein Lübecker Chronist 
schreibt, „so hell wie am Tage". Wer nicht Waffen und Wehr 
trug, wer sittsam und ehrbar war, blieb abends daheim; still und 
verschlossen lag Haus an Haus, nur von den .Schenken her erklang 
der Lärm der Zechenden. 
Daher war es auch in den früheren Zeiten des Mittelalters 
nicht ungewöhnlich, daß die Wölfe nachts um die Thore heulten oder 
gar durch Luken in der Mauer in die Stadt eindrangen, oder daß 
Räuberbanden die öden Straßen durchschwärmten, und noch in 
späteren Jahrhunderten, als schon bewaffnete Ratsdiener fleißig die 
Straßen auf und abschritten, schreckte manch gellender Angstschrei, 
manch wildes Mordgetümmel die Bürger aus dem Schlafe auf. 
Einen großen Teil ihrer Zeit brachten die Einwohner der Städte 
mit ländlichen Beschäftigungen zu. In den Weinbergen, auf den 
Äckern setzte der Bürger bis zum Ende des Mittelalters, ja tief bis 
in die neuere Zeit hinein einen Teil des uralten deutschen Bauern 
lebens fort. Dazu kam eine allgemein verbreitete Gartenliebhaberei. 
Als die Gärten in der Stadt verbaut worden waren, legte man 
andere vor den Thoren an, oder wenn die Stadt plötzlich be 
deutend erweitert wurde, blieb die Neustadt vorzugsweise den Gärten 
gewidmet. 
Die unerlöschliche Liebe des Städters zum Landbau bewirkte 
auch, daß die Straßen immer einen sehr ländlichen Anstrich be 
hielten. Die Zäune, welche die noch nicht bebauten Stellen ab 
grenzten, die Schlupfwinkel zwischen den Häusern, die Baum 
gruppen und Rasenplätze um die Kirchen, Rasenstreifen wo es an 
ging, selbst vor den Häusern, vor allem die ungepflasterten, tief- 
geleisigen Straßen gaben den Städten noch ganz das Aussehen von 
Dörfern.
	        
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