Full text: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mittelschulen

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II. Das Mittelalter. E. Das erste Interregnum. 
und der Klöster, die Stifter und Pfalzen nahmen den größten 
^^«^J'Raum ein; dazwischen drängten sich die Hütten der Handwerker, die 
Warenlager der Kaufleute und die Verkaufsstände der Krämer. 
Die Straßen wurden eng und winkelig, wie der Zufall es ergab, 
und man war keineswegs darauf bedacht, auch nur den gröbsten 
Unbequemlichkeiten vorzubeugen. Da sich das Bürgerhaus weder 
in der Breite noch in der Tiefe recht ausdehnen konnte, so fing 
man frühzeitig an, mehrere Stockwerke übereinander zu bauen. Man 
rückte das erste, nicht selten auch das zweite Stockwerk mehrere Fuß 
weit über das Erdgeschoß heraus; dadurch gewann man Zimmer 
räume (Gaden) nach der Straße zu. Solche Überhänge oder „Übcr- 
gezimmer" benahmen den an sich engen Straßen vollends Licht und 
Luft. Daneben bestand seit den Krenzzügen die aus dem Morgen 
lande stammende Sitte, die Häuser mit weitvorspringenden Erkern 
zu versehen. Ferner legten die Handwerker und Krämer ihre Ver 
kaufsstände unmittelbar vor der Hausthür an und überbauten sie 
mit einem Dache. Man nannte diese Vorbauten Vorkräme oder 
Lauben. Dazu erstreckten sich lange Kellerhälse weit auf die 
Straße heraus und versperrten den Weg. Ja, es war nichts Unge 
wöhnliches, daß man die Schweineställe unmittelbar vor der Haus 
thür aufbaute. 
Noch immer baute man größtenteils aus Holz. Steinerne 
Häuser waren so selten, daß sie ausdrücklich als solche bezeichnet 
werden, wenn von ihnen die Rede ist; ja. sic führten geradezu den 
Namen: steinernes Haus, Steinhaus. Noch im 13. Jahrhundert 
^, Ovaren nur die Klöster, die Höfe der Adeligen und der vornehmsten 
W»»»^--^Patriziergeschlechter von Stein. Diese Steinbauten waren Burgen 
in der Stadt; sie waren so eingerichtet, daß sie gegen einen plötz 
lichen Angriff erfolgreich verteidigt werden konnten; denn nicht 
selten suchten fehdelustige Ritter ihre Gegner in der Stadt selbst 
auf, und auf Volksaufstände und Straßentumnlte mußte der Patrizier 
immer gefaßt sein. 
Trotzig kehrten die „Höfe" ihre dicken Mauern mit kleinen, 
tiefliegenden Fenstern und enger, niedriger Pforte der Straße zu; 
drinnen gab es finstere Stiegen, dicke, eisenbeschlagcne Thüren und 
enge, dunkle Räume; doch fehlte es nicht an weiten Getreideböden 
und geräumigen Kellern zur Aufnahme des Zinsgetreides von den 
verpachteten Gütern und des selbsterbauten Weines. 
Etwas heiterer und luftiger baute der patrizische Großhändler. 
War er reich, so wagte auch er einen Steinbau. Aber wie all sein 
Denken und Sinnen, so war auch sein Haus dem fröhlichen Markte 
zugewendet. Der untere Raum gestaltete sich zu einer großen Halle, 
in der Weinfässer angezapft wurden. Hier kehrte der Wallfahrer 
ein, der an einem berühmten Altare im Dome Ablaß suchte, hier der
	        
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