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Geschichte. 
Yor allem wird der Lehrer auch hier und namentlich hier den Cha 
rakter der Klassenstufe, auf welcher er Geschichte lehren soll, sich klar 
machen müssen. Es sind Knaben zwischen 12 und 15 Jahren, auch einige 
hängengebliebene 16- oder 17jährige darunter: es ist das vorwitzige, kri 
tische, trotzige Alter, in welchem, um nur ein Symptom anzuführen, das 
Räsonnieren über den Lehrer mit Macht beginnt, ohne dass dies gerade 
sehr ernst zu nehmen wäre. Das aber ist sicher, dass diese Klassenstufe 
ganz besonders des Gegengewichts starker Autoritäten, autoritativer Kräfte 
bedürftig ist. Nicht bloss der Lehrer oder der Direktor oder die Schule 
muss ihnen imponieren, sondern schon die sittlichen Kräfte, die hinter 
diesen Persönlichkeiten und über ihnen wie über den Schülern stehen: 
und unter diesen Autoritäten ist das Vaterländische, das nationale Kraft 
gefühl, vielleicht mit einem kleinen Beisatz von dem, was man jetzt Chau 
vinismus oder nationale Hoffart nennt, eine der wirksamsten: sie ist in 
manchem Betracht bei dieser Altertstufe lebendiger wirksam als die Autorität, 
welche Religionsunterricht und Teilnahme am kirchlichen Gottesdienst 
bietet. Der Unterricht als Ganzes muss diesen Knaben starke Anregungen, 
kräftige Impulse geben, von verschiedenen Seiten auf das eine Ziel hin 
wirken dem Zerstreuenden, Zersetzenden, Eigenwilligen was diesem Alter 
sich andrängt, einen Damm zu setzen und ein Gegengewicht zu geben. 
An dieser Stelle — leider nicht an dieser allein — scheint uns der 
preussische Lehrplan von 1892 einen starken Rückschritt zu bedeuten. 
Ich stehe nicht an, den alten preussischen Lehrplan von 1856, soweit er 
die Gymnasialtertia betraf und Nb. seitdem die zweijährige Dauer dieses 
Tertiakurses entschieden war, für das beste und wirksamste Stück Unter 
richtsorganisation zu erklären, das ich in den 50 Jahren, über die meine 
aktive und passive Erfahrung sich erstreckt, gesehen und erprobt habe. 
Hier griff alles aufs schönste ineinander: an den starken Rückgrat Latein, 
10 Stunden, mit seiner Cäsarlektüre, für welche die damaligen Schüler 
wirklich so gerüstet waren, dass sie ihn mit mässiger Hilfe selbst über 
setzen konnten, und das Griechische mit der verwandten Anabasislektüre, 
legten sich die Fächer der Peripherie, Deutsch, deutsche Geschichte, Geo 
graphie von Deutschland, sich gegenseitig ergänzend, gegenseitig einander 
dienstbar: die Schüler wuchsen hinein in die Kenntnis des eigenen Volks, 
dessen Frühgeschichte sie im ersten Buch des Bellum Gallicum in der 
kraftvollen Gestalt des Ariovist unmittelbar berührte; sie lernten in der 
deutschen Lektüre einige unserer grossen Dichter und Schriftsteller soweit 
kennen, wie man am Fusse eines Gebirgs angelangt einige der Hoehgipfel 
schon deutlicher sieht; das Neue Testament gab die religiöse Autorität, 
die mit dem Vaterländischen sich leicht in einige Beziehung setzen Hess 
und die in jedem Fall die Anfänge einer tieferen ethischen Auffassung 
auch der Geschichte begünstigte. Es war die Mitte des Weges durch 
das Gymnasium, wo gute, reichliche, einfache, aber nicht einförmige 
Nahrung am nötigsten ist, und was das Beste war, es gehörte keine subli 
mierte Lehrkunst, sondern nur ein bescheidenes Mass von Einsicht und 
jenes Pflichtgefühl, das man an unserem Stand nicht vermisst, dazu, jene 
Zusammenstellung fruchtbar zu machen.
	        

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