Geschichte und Geographie. Realschule. 
vm, 15 
historische Kritik, fast ist es überflüssig dies hinzuzusetzen, würde hier, 
wo der Knabe ihr nicht folgen, sie nicht nachdenkend vollziehen kann, 
die Lüge sein, nicht das ruhige Wiedererzählen und das Eruieren des re 
ligiösen Gehalts dieser Geschichten, welche tiefste Wahrheit enthalten, 
mag es auch mit ihrer Wirklichkeit stehen, wie es wolle. 
Der Geographie haben wir unter den Quellen des Geschichtssinns auf 
dieser Stufe nicht gedacht: sie ist es auch nicht eigentlich, sie steht in einem 
viel engeren Verhältnis zur Geschichte, die ohne sie gar nicht denkbar ist: 
beide sind gar nicht zu trennen, und man trennt sie nur aus zwingenden me 
thodischen, sozusagen taktischen Gründen, damit sie, getrennt marschierend, 
dermaleins vereint schlagen können. Man macht hier, in Sexta, den ersten 
Gang durch den grossen Schauplatz der Weltgeschichte, indem man sein 
in hieroglyphischer oder hieratischer Schrift gezeichnetes oder angedeutetes 
Abbild, den Atlas, Karte um Karte durchnimmt. Je besser, je einfacher, 
je dem kindlichen Geist verständlicher der Lehrer Gehirg und Fluss und 
Meer u. s. w. den Schülern nahe zu bringen weiss, umsomehr wird er 
dem späteren Geschichtsunterricht Vorarbeiten. Es ist ihm auch keines 
wegs verwehrt, ihnen etwas von Kolumbus, von Cook, von Franklin u. s. w. 
zu erzählen: wir müssen aber hier bemerken, dass uns die Bestimmung des 
Preussischen Lehrplans, der, nach jener ersten Durchwanderung des Atlas 
in Sexta, für Quinta nun gleich Geographie von Deutschland ansetzt, 
als ein grosser Missgriff erscheint. Dies ist für diese Stufe ein'gänzlich un 
fruchtbarer Unterricht: das Vaterland, geschweige die engere Heimat ist 
noch kein Gegenstand eines tieferen, wissenschaftlichen Charakter tragen 
den oder vorbereitenden Interesses für 10jährige Kinder; sie wird dies erst, 
wenn der Geist etwas gereifter, mit geschichtlichen und anderen Kennt 
nissen bereichert ist und für Gymnasien gilt uns unbedingt beim geo 
graphischen Unterricht der Grundsatz: erst in die Ferne, dann in die 
Heimat, nicht erst das Schulzimmer, dann das Städtchen und sein Enten 
teich, dann die Provinz, dann Deutschland, dann Europa und dann die 
fremden Weltteile. Davon später in Tertia noch ein Wort. 
An Realschulen wird für diese Stufe die Sache nicht viel anders 
stehen wie an den Gymnasien. Das Lateinische allerdings fällt weg 
und dafür gibt es keinen Ersatz und soll es keinen geben, da ja diese 
Schüler jene intensive Beschäftigung mit der Geschichte wie die Schüler 
des Gymnasiums sie brauchen, gar nicht suchen: historische Orientierung, 
nicht historische Durchbildung ist hier das Ziel. Indes ist Akt davon zu 
nehmen, dass der Preussische Lehrplan für Realschulen dem Deutschen 
(Deutsch und Geschichtserzählungen) eine Stunde mehr gibt als dem Gym 
nasium — 4+1 statt 3 + 1, Quinta 3 + 1 statt 2 + 1. Das Lesebuch 
für diese Realsexta und -quinta wird also etwas anders eingerichtet, es 
wird namentlich stoffreicher sein müssen, als das gymnasiale. Es wird 
demnach und denken wir soll auch mehr Geschichtserzählungen bringen: 
und wir werden weiterhin sehen, dass das Dringen auf das Positive, That- 
sächliche, einen guten Vorrat gedächtnismässigen Geschichtswissens, dem 
Unterricht an den Realschulen sein von dem gymnasialen etwas verschie 
denes Gepräge gibt.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.