Quellen geschichtlichen Sinns. Deutscher Unterricht. 
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geben werden kann, gehört in die deutsche Stunde und ins deutsche 
Lesebuch. Es ist ganz in der Ordnung, dass der 9jährige, 10jährige La 
teinschüler, indem er ganz sachte ab ovo d. h. vom Ordentlich-lesen-lernen 
an in die deutsche Nationallitteratur eingeführt wird, etwas zu lesen be 
kommt von Karl dem Grossen, von Heinrich L, von Friedrich Barbarossa, 
von König Friedrich Wilhelm III. und Kaiser Wilhelm I., von Josef H., 
Maria Theresia, Friedrich II., und noch schöner ist, wenn ein gottbegna 
deter Lehrer, selbst ohne Oberlehrerzeugnis und während auf Meilen in 
der Runde kein Schulrat oder Direktor zu sehen ist, seinen Sextanern 
von diesen Männern und Frauen erzählt: Geschichtsunterricht aber ist 
das nicht, schon deswegen nicht, weil es für die Schüler dieser Stufe ge- 
wissermassen zeitlos ist — denn es wäre ein leeres Wort, ihnen zu sagen, 
dass Friedrich der Grosse von 1740—1786 und Karl der Grosse von 768 
bis 814 n. Chr. Geburt regiert haben. Auch unterscheiden sie diese pro 
saischen Erzählungen geschichtlicher Art gar nicht von entsprechenden 
Gedichten historischen Charakters: sie unterscheiden Gott sei Dank eine 
Sage von Karl dem Grossen noch nicht von einer Geschichte Karls des 
Grossen und es wäre sehr unrecht, ihnen den Roland der Sage und des 
Gedichts in den Hruotland der Geschichte verwandeln zu w r ollen. 
Wenn der preussische Lehrplan von 1892 bestimmt, dass dabei, bei 
diesen „Lebensbildern aus der vaterländischen Geschichte“ von der Heimat 
auszugehen sei — also in Köln etwa von Albertus Magnus oder dem hei 
ligen Martinus oder Reinald von Dassel — so sehen wir dafür keinerlei 
zwingenden Grund. Es scheint uns ganz gleichgültig, in welcher Ordnung, 
ob von Köln ausgehend und in Berlin endigend oder wie sonst diese Er 
zählungen aus der vaterländischen Geschichte gelesen oder vorgeführt 
werden, deren jede ihren Wert, ihren Nahrungswert für die Seelen der 
Schüler, in sich selbst hat. 
Was die Verteilung auf Sexta und Quinta betrifft, so scheint man 
neuerdings — und dies klingt ja sehr national — grossen Wert auf mög 
lichst frühzeitiges Nahebringen deutscher Sagen zu legen: in einigen Pro 
grammen finde ich diese, einschliesslich deutscher Göttermythen, ausdrück 
lich als Pensum der Sexta angegeben. Davor möchte eher zu warnen 
sein: ich habe nicht gefunden, dass Hildebrant und Hadubrant, Titurel 
und Frimutel, Parzival und Herzeloyde, Orilus und Schionatulander ja 
selbst Repanse und Feirefiz von Anjou die Phantasie unserer Sextaner in 
besondere Wallung gesetzt hätten. Diese Welt erhält für die Jugend ihre Be 
deutung erst auf einem Umweg, nämlich wenn diese Jugend einiges geschicht 
liche Interesse für ihr Volk gewonnen, mit Gestalten wie Theodorich, Etzel, 
Erscheinungen wie dem Rittertum einige Vertrautheit gewonnnen hat, 
und es würde demnach geraten sein, solche Mitteilungen aus der mittel 
alterlich-deutschen Welt dem deutschen Lesebuch für Tertia vorzubehalten, 
wo sie in ihrem besonderen und natürlichen Zusammenhang auch ihre 
gute und natürliche Wirkung thun werden. Dagegen halten wir das für 
durchaus richtig und vernünftig, wenn in dieser Klasse namhafte Persön 
lichkeiten unserer vaterländischen Geschichte in Anekdoten, Erlebnissen, 
Charakterzügen fleissig vorgeführt werden, wobei man aber keinen anderen
	        

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