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Geschichte. 
Untersekunda. 
Für diese Klasse möchte ich das Fragment einer Skizzienmg des Zustands oder 
der Zustände im deutschen Reich geben, die man entweder am Anfang des Jahreskurses 
als Einleitung zur Geschichte Deutschlands in den jüngsten l’/s Jahrhunderten, wie oben 
vorausgesetzt, oder, was sich vielleicht mehr empfiehlt, am Schluss der zweiten Haupt 
periode neuerer Geschichte (1648—1789) als Einleitung für deren letzten Teil (1789 bis 
1811) geben kann. Hier ist das letztere angenommen: meine Quelle ist das vortreffliche 
Buch von Biedermann, Deutschland im 18. Jahrhundert, Band I. 
Das deutsche Reich zählt gegenwärtig 49 Millionen Menschen auf 
einem Landgebiet von 540 000 Quadratkilometern in 26 Staaten, von denen 
der grösste Preussen 348 000 Quadratkilometer und 80 Millionen Seelen, 
der kleinste, Stadt Lübeck 297 Quadratkilometer und 75 000 Seelen zählt: 
in allen diesen Staaten, mit Ausnahme der drei republikanisch verwalteten 
Städte, besteht eine Erbmonarchie, der Fürst aber teilt die gesetzgebende 
Gewalt mit einer gewählten Volksvertretung und die Rechte aller Staats 
bürger sind durch eine geschriebene Verfassung, ein Staatsgrundgesetz 
geschützt: Verwaltung, Kriegsdienst, Finanzen, Rechtspflege, Unterricht 
sind durch Gesetze geordnet, und innerhalb dieser Gesetze kann jeder 
Deutsche seine Meinungen frei äussern: das Religionsbekenntnis macht 
keinen Unterschied mehr hinsichtlich des Genusses der Rechte, die jedem 
Staatsbürger zustehen. 
Wir wollen nun versuchen, uns einige Züge des Bildes zu vergegen 
wärtigen, das unser Vaterland vor l'/2 Jahrhunderten, in der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts dargeboten hat. 
Auf 12 000 Quadratmeilen — das sind etwa 3000 mehr als heute 
das Deutsche Reich umfasst — lebten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
ungefähr 26—30 Millionen Menschen. In zehn Kreisen, wie seit 1510, 
war eine sehr buntscheckige Menge von grossen, mittleren, kleinen und 
kleinsten Territorien — Staatswesen — verteilt. Solcher Territorialstaaten 
unter 120 Quadratmeilen zählte das deutsche oder richtiger römische Reich 
etwa 80, zu denen man noch etwa 30 Herrschaften und 14—1600 ritter- 
schaftliche Güter zählen muss. Sie alle hatten die Macht oder das Recht, 
durch Zölle, Handelsverbote, Gewerbsmonopole ihre Nachbarn ebenso wie 
ihre eigenen Unterthanen oder das Reich im ganzen zu schädigen und das 
widrige Symbol der souveränen Gewalt, der Galgen, fehlt auch dem kleinsten 
Territorium nicht. 
Der Kaiser bedeutete sehr wenig. Einmal, bei seiner Krönung zu 
Frankfurt a. M., betrat er wie bei einem Theaterstück mit grossen Pomp 
die Bühne. Da wurden die uns wohlbekannten Erzämter ausgeübt, 44 
regierende Grafen trugen beim Krönungsmahle die Speisen: wir haben im 
Lesebuch früher die unvergleichliche Schilderung Goethes gelesen, die sich 
auf die Krönung Josefs U. im Jahre 1765 bezieht. Er Unterzeichnete 
dann die Wahlkapitulation, deren wesentlicher Sinn doch der war, dass 
die Einzelstaaten, die Territorien, alles, und er nichts zu bedeuten habe. 
Nicht nach aussen: denn die Fürsten und Stände hatten das Recht, Bünd 
nisse unter sich und mit dem Auslande zu schliessen; nicht nach innen,
	        

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