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wir künftig vielleicht in der katalytischen Kraft des organischen
Gewebes, woraus die Organe des lebenden Körpers bestehen, ent
decken werden“. Wie sehr damals — jetzt ungefähr vor 50 Jahren
— diese Anschauungen Propaganda machten, beweist, dass selbst
Carl Ludwig in seinem „Lehrbuch der Physiologie“ (2. Aufl. I.
pag. 50) schrieb: „Es dürfte leicht dahin kommen, dass die physio
logische Chemie ein Teil der katalytischen würde“.
Die Zeit dieser kühnen Hoffnungen ist vorübergegangen, fast
ohne dass sie ihre Spur in dem Bestand unseres medizinischen
Wissens hinterlassen hat. Diese Bestrebungen, die in dem Miss
verhältnis zwischen ihrer exakt-experimentellen Grundlage und den
gesteckten Zielen den Keim des Misslingens in sich trugen, waren
der Kritik nicht gewachsen , welche das Zeitalter L i e b i g s an
ihnen übte. Mit der berechtigten Ausmerzung aller jener unbewie
senen Schlussfolgerungen fiel aber zugleich dasjenige, was diese Be
obachtungen an Richtigem enthielten. Der von Berzelius ge
schaffene Begriff der Katalyse wurde für überflüssig erklärt. Die
ihm eingereihten Erscheinungen waren nach der Auffassung L i e-
bigs keine besondere Art von Vorgängen; er fasste sie vielmehr
lediglich als eine Folge des mechanischen Trägheitsgesetzes auf.
„Die Ursache ist die Fähigkeit, welche ein in Zersetzung oder Ver
bindung, d. h. in chemischer Aktion begriffener Körper besitzt, in
einem anderen ihn berührenden Körper dieselbe chemische Tätigkeit
hervorzurufen, oder ihn fähig zu machen, dieselbe Veränderung zu
erleiden, die er selber erfährt. Diese Fähigkeit wird am besten
durch einen brennenden Körper (einen in Aktion begriffenen) ver
sinnlicht, mit welchem wir in anderen Körpern, indem wir sie den
brennenden nähern, dieselbe Tätigkeit hervorrufen. “ „ Aehnlich wie
die Wärme das statische Moment in den Elementen sehr vieler che
mischer Verbindungen aufzuheben fähig ist, geschieht dies durch
einen Körper, dessen Elemente sich selbst im Zustand eines aufge
hobenen Gleichgewichts befinden; die Bewegung, in der sich seine
Atome befinden, teilt sich den Atomen der Elemente, (beispiels
weise) des Zuckers mit; sie hören auf, in dem Zustand zu verharren,
in welchem sie Zucker bilden, und ordnen sich nach ihren beson
deren Anziehungen“ 1 ). Der Sieg dieser Theorie der molekularen
Schwingungen, die nach Ostwald den fraglichen Vorzug der Un-
widerleglichkeit besitzt, da sie sich durch ihre Art einer experimen
1) Citiert nach Ostwald (Verhandl. d. Ges. d. Naturf. u. Aerzte. Ham
burg 1901. I. p. 192).

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