Anders liegt die frage nach dem Verhältnis Wolframs zu
den werken der älteren geistlichen und volksepik, die hier von
besonderem werte sind. Die weiter unten folgenden abschnitte
(von IV an) werden zeigen, daß Wolfram bei technischen Wendungen,
einführungsformein, quellenberufungen u. s. w. häufig dem Vor
bild der älteren dichter folgt. Sollte sich nun aber auch
auf dem ureigensten gebiete eines höfischen autors, bei den von
ihm breit ausgemalten und mit besonderer liebe geschilderten
scenen des ihm vertrauten höfischen lebens, gerade hier, wo man
eigenes und neues erwarten sollte, eine gewisse abhängigkeit von
der älteren heimischen dichtung nachweisen lassen ? Die frage
muß bejaht werden; die unten folgenden Zusammenstellungen
werden eine oft enge berührung dartun; und diese tatsache
scheint mir für das Verhältnis Wolframs zu der älteren Stiltradition
höchst bezeichnend zu sein.
»Das höfische element ist der dem Nib. und der höfischen
dichtung vorausgehenden epik keineswegs fremd, und es ist bereits
sitte der spielleute gewesen, den bericht der sagenstoffc durch
Schilderungen dieser art zu erweitern«. Man darf dies wort
Kettners (O. N. s. 7) nach dem befunde des materials wohl auch
auf die geistlichen autoren des 12. jhds., ja in beschränktem
maße selbst auf den dichter der Gen. ausdehnen. Schon in der
Gen. finden sich zb. bei der beschreibung von empfängen ver
schiedene formein ausgeprägt, die durch die ganze folgende
geistliche und volksepik hindurchgehen und bei Wolfram wieder
kehren. Da haben wir schon — die belege unten bei den
entsprechenden stellen der Sammlung — das entgegengehen (sie:
enphie), das »wol enphahen«, das hand reichen, das küssen t>an
den munt«, das willkommenheißen, das näher treten (gen: steii)
u. s. w. In den späteren geistlichen epen wird, soweit meine
Sammlungen reichen, der formelschatz in dieser hinsicht nicht
viel reicher, die Schilderung im einzelnen dagegen ausführlicher.
Erst der Rother bevorzugt, wie schon Kettner (Ö. N, 7) angiebt,
die Schilderungen höfischen lebens, bildet dementsprechend neue
formein aus und steht so dem Nib. und den älteren höfischen
epen nahe.

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