Full text: Formelhafte Ausdrücke in Wolframs Parzival

einer früheren erzählung von neuem in das bild aufgenommen 
werden und wieder an dem hörer vorüberziehen 
Es ist eine bekannte psychologische tatsache, daß ein komplex 
von eindrücken, wie er sich etwa in den einzelnen episoden eines ge- 
dichts darstellt, um so leichter aufgenommen wird, je mehr ent 
sprechende appercipierende Vorstellungen vorhanden sind, und je 
enger die Verknüpfung mit dem im geiste bereits verarbeiteten 
ist. Wird nun, wie es durch die formelhaften ausdrücke geschieht, 
fortwährend ein teil des geistigen besitztums der zuhörer in die 
darstellung verwoben, so werden dadurch die günstigsten auf- 
nahmebedingungen für das neue geschaffen, das sich dem alten 
rahmen einfügt, und mit um so größerem interesse und Wohl 
gefallen wird der hörer der erzählung folgen, die ihm bekannte 
und vertraute ziige bietet. 1 ) Für Wolfram, der so lebhaft bemüht 
ist, seine zuhörer für die erzählung zu interessieren, 2 ) ist es sehr 
bezeichnend, daß er den neuen, fremden Stoff mit den alt 
heimischen formelhaften elementen durchsetzt und durch ankniipfung 
an das oftmals gehörte sein publikum für die fremdartige »wilde 
maere« geneigter macht. 
Daß daneben hie und da technische Schwierigkeiten einen 
formelhaften ausdruck mit veranlassen, soll nicht geleugnet werden, 
so vor allem, wie Hoffmann gezeigt hat, der reim, ferner das 
bedürfnis, einen satz zum vollen vers zu gestalten. 
Die formel ist auch für Wolfram nur e i n stilmittel, dem 
weit üherragend andere zur seite stehen. Die formelhaften teile 
sind im Parz. durchaus in der minderzahl, ihnen gegenüber er 
heben sich zahllose stellen, an denen die fein individualisierende 
kunst des dichters zu ihrem rechte kommt, die bald in kühnen 
metaphern die tiefsten gedanken ausspricht, bald in psychologischer 
Vertiefung und kleinmalerei die Charaktere zu schildern weiß. 
Ja, es geht mit den formein wie mit dem andern stilmittel 
der heimischen poesie, den unhöfischen Wörtern, der dichter löst 
sich allmählich davon, er lehnt sich gegen das ende des Parz. 
unverkennbar mehr an den höfischen stil an. In welchen einzel- 
stadien diese entwicklu'ng verläuft, wird der Schlußabschnitt zeigen. 
’) Ähnliches stellt W, Vogt s. 57 für die Wortwiederholung fest. 
a ) vgl. weiter unten.
	        

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