Full text: Deutsche Vagantenlieder in den Carmina Burana

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Sammlung gemacht; jetzt wurden von Dreves 1 eine grosse zahl von 
liedern der Carmina Burana in italienischen handschriften, hauptsäch 
lich im Florentiner Medicaeus, widergefunden; mit beriicksichtigung 
dieser wichtigen entdeckung behandelte Wilh. Meyer in den Frag 
mente/, Burana' 1 von neuem gründlich die beschaffenheit der handschrift 
und förderte gleichzeitig neue stücke, die ursprünglich der Sammlung 
angehört hatten, ans tageslicht. Neuerdings hat Ehrismann 1 2 3 bei der 
besprechung der Fragmenta Burana auf die alte Streitfrage ein Streif 
licht geworfen. An einem interessanten fall, nämlich dem liederpaar 
nr. 186 s. 72 : 186a s. 72, zeigt er, wie ein vorhandener deutscher ton 
auf einen ebenfalls schon vorhandenen lateinischen zugeschnitten wurde 
und beweist dadurch schlagend, wie unhaltbar die theorien sowol 
Bartsch-Burdach-Wallenskölds als auch Martins sind, die ein directes 
abhängigkeitsverhältnis a priori constatieren und auf alle lieder rück 
sichtslos ausdehnen wollen. Als erklärung des Verhältnisses bringt E. 
die ansicht in Vorschlag, dass den Sammlern der Carmina Burana das 
princip des motetts vorgeschwebt habe. Im übrigen erkennt er mit 
W. Meyer den einfluss der lateinischen vagantenlieder auf die deutsche 
dichtung sowol für diese gruppe lateinischer und deutscher lieder als 
auch für die volkstümliche deutsche lyrik überhaupt an und bringt 
selbst dafür neue belege. 
Die „Carmina-Burana-frage“ harrt jedoch noch immer ihrer 
endgiltigen lösung. Den richtigen weg hatte Schreiber schon betreten, 
indem er von einer Untersuchung der lateinischen lieder im Zusammen 
hang mit der mittellateinischen dichtung überhaupt ausgieng. Er be 
handelte aber nur die form der vagantenstrophe und sagte selbst: „es 
bedarf zur entscheidung der frage einer genauen prüfung der tech 
nischen einzelheiten der Carmina Burana in ihrer gesamtheit.“ Solche 
formelle Untersuchung sämtlicher lateinischer lieder der handschrift — 
ausgenommen die in frage kommenden, denen die deutschen Strophen 
folgen — will ich in der folgenden abhandlung unternehmen, um damit 
eine basis zu schaffen, auf die sich die Specialuntersuchung der ein 
zelnen fraglichen lieder stützen kann. 
II. 
Nach den Untersuchungen Wilh. Meyers a. a. o., auf die ich mich 
in meiner arbeit wesentlich stütze, sind folgende factoren für die technik 
1) Analecta kymnica medii aevi bd. XXI. Leipzig 1895. 
2) s. o. 
3) Zeitschr. 36, 396fg.
	        

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