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verlassenen Standpunkte zurückkehrte, indem er das Verhältnis aller
liederpaare von einem gesichtspunkte aus betrachtete, und so den fort-
schritt, den die behandlung der frage durch die individuelle forschung
Meyers gemacht hatte, wider aufgah. Er meinte, „lateinische Vaganten
bedienten sich der melodie und strophenconstruction ihnen bekannter
deutscher lieder, wahrscheinlich um sich ihre eigene dichterarbeit, vielleicht
auch das absingen der lateinischen lieder zu erleichtern.“ Die gründe,
die W. anführt, bieten einerseits durchaus nichts neues und sind anderer
seits keineswegs beweiskräftig: die einstrophigkeit, das bruchstückartige
erscheinen, der stellenweise gleiche inhalt der deutschen lieder und
der lateinischen sind momente, die durchaus nicht dagegen sprechen,
sie etwa als beispielstrophen zu den lateinischen liedern anzusehen.
Überdies tut W. mit seinen willkürlichen änderungen des textes der
Überlieferung zu viel gewalt an. Schliesslich gibt er selbst zu, dass
seine theorie auf zwei ‘überraschende’ tatsachen stösst: es ist sonderbar,
dass in der handschrift die nachbildungen vor den mustern stehen,
und es ist eine seltsame und sonst unerhörte erscheinung, dass die
muster so vieler gedichte überhaupt erhalten sind. Im ganzen hat
Wallenskölds Untersuchung nur den wert einer theorie und bringt keine
beweiskräftigen momente.
Von einer ganz neuen seite her nahm dann Jacob Schreiber 1
die lösung des problems in angriff. Fussend auf den ergebnissen
Wilh. Meyers. in seinen Untersuchungen über die mittellateinischen
rhythmen 1 2 stellte er diejenigen der betreffenden lateinischen gedichte,
welche in der form der vagantenstrophe erscheinen, in eine entwick
lungsreihe mit den übrigen liedern der Benedictbeurer handschrift sowie
den aus anderen handschriften bekannten gedichten in der form der
vagantenstrophe. Dadurch erwiesen sich diejenigen der in frage kom
menden lateinischen lieder, die in Vagantenstrophen erscheinen, als
original. Von neuem wurde also Burdachs und Wallenskölds ansicht
erschüttert.
Seit Schreibers Untersuchung ist die frage nach dem Verhältnis
zwischen den lateinischen und deutschen liedern nicht wider umfassend
behandelt worden; vielmehr hat die neuere forschung sich verschiedent
lich mit der geschichte der handschrift beschäftigt. Schon früher hatte
Uberg 3 nähere angaben über den zustand der Benedictbeurer lieder-
1) Die vagantenstrophe der mittellateinischen dichtung und das Verhältnis der
selben zu mittelhochdeutschen Strophenformen. Inaugural - dissert. Strassburg 1894.
2) a. a. o.
3) Zeitschr. f. österr. gynmasien 40. jahrg. 1889 s. 103 fg.

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