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Schon Docen 1 hatte darauf hingewiesen und für die eigentüm
liche erscheinung die (m. e. im grossen und ganzen richtige) erklärung
abgegeben: „der zweck, warum man diese altteutschen verslein jenen
zech- und liebesliedern beisetzte, bestand woi darin, dass man in den
munteren kreisen, in denen von den lateinischen gesängen gebrauch
gemacht wurde, zur abwechslung einiges in der muttersprache in der
nämlichen melodie vor sich hatte.“
Die metrische Übereinstimmung je eines lateinischen und deutschen
liedes konnte zunächst zwiefach erklärt werden: entweder waren die
lateinischen lieder den deutschen nachgebildet oder die deutschen den
lateinischen. Die erste ansicht wurde vertreten von Bartsch 2 und
Scherer 3 , die für einzelne der deutschen lieder die behauptung auf
stellten, sie hätten den vorangehenden lateinischen zum Vorbild gedient.
Auch Gervinus 1 stellt sich in seiner geschichte der deutschen dich-
tung auf diesen Standpunkt.
Gegen diese ansicht trat dann Martin 5 auf, indem er die meinung
verfocht, dass alle deutschen Strophen, die den lateinischen liedern folgen,
mit ausnahme zweier (CB nr. 112 s. 188 und nr. 129 a s. 203) formelle
nachbildungen der lateinischen gedichte seien. Martins Untersuchung
führte jedoch im wesentlichen nur zu Vermutungen, seine ergebnisse
waren nicht beweiskräftig. Daher wurden seine behauptungen aufs
schärfste angegriffen von Burdach 6 , der seinerseits die entgegengesetzte
ansicht, dass nämlich sämtliche deutsche Strophen mit ausnahme einer
(CB nr. 104a s. 182) Urbilder der betreffenden lateinischen gedichte
seien, zu beweisen suchte. Mit recht wies er zwar einiges aus Martins
ausführungen als falsch zurück, aber für seine behauptung konnte er
— ausgenommen nr. 141 s. 212 — keine stichhaltigen argumente er
bringen. Auch seine beweisführung war stellenweise direct falsch, im
übrigen waren seine ergebnisse ebenfalls meist nur Vermutungen. Seiner
meinung schloss sich R. Becker 7 an, doch mit der einschränkung,
dass er sich nicht bestimmt über die priorität sämtlicher deutscher lieder
aussprechen wollte, da es anzunehmen sei, dass mehrere derselben
gerade von Vaganten verfasst worden seien.
1) Miscellaneen II s. 190.
2) Deutsche liederdichter des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts. Leipzig 1864
unter XCVIII; ferner Germania VI s. 204.
3) Deutsche Studien II. (Sitzungsberichte der phil. -hist, classe der academie.
Wien 1874 bd. 77 s. 440, 479 und 489.)
4) Geschichte der deutschen dichtung I 5 s. 497.
5) Zeitschrift f. dtsch. altertum bd. 20 s. 46 fg.
6) Reinmar der alte und Walther von der Vogelweide. Leipzig 1880 s. 155—168,
7) Der altheimische minuesang 1882 s. 221.

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