Full text: Deutsche Vagantenlieder in den Carmina Burana

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der arbeit eine möglichst straffe und einheitliche beweisführung zu erhalten 
(wie wir sie in den §§ 5—10 geben wollen), nehmen wir daher die be- 
handlung dieser allgemeinen capitel voraus und besprechen im folgenden 
(§§ 1—4) die frage des tonfalls innerhalb der zeilen, der zeilen- 
schliisse, des strophenbaus sowie der allitteration und des 
Wortspiels. 
§ 1. Tonfall innerhalb der zeilen (tactwechsel). 1 
Der herrschende rhythmus der mittellateinischen dichtung ist stets 
trochäisch oder jambisch. Allein sowol bei trochäischen wie bei jam 
bischen zeilen widerstreiten häufig die wortaccente einem tonfall, der 
hebung und Senkung bezw. betonte und unbetonte silbe regelmässig ab 
wechseln lässt: statt einer zeile compardbo cdnibus begegnet non pätet 
mortdlibüs. Hier ist die betonung dem wortaccent gemäss unweigerlich 
festzuhalten, und wir treffen hier auf die freiheit des ‘tactwechsels’, 
wie Willi. Meyer, der zuerst diese erscheinung richtig gewürdigt und 
erklärt hat, sie nannte 2 . Indem die silbenzahl einer zeile festgehalten 
wurde und der zeilenschluss derselbe blieb, konnte der übrige teil des 
verses seinen eigentümlichen rhythmus aufgeben, doch unter der be- 
dingung, dass nie zwei betonte silben zusammenstiessen. Die wenigen 
möglichkeiten solcher tactverschiebung hat W. Meyer 3 zusammengestellt: 
bei den zweisilblern, dreisilblern und viersilblern ist überhaupt kein 
tactwechsel möglich, ebenfalls nicht beim trochäischen fünfsilbler (5XX); 
bei dem jambischen fünfsilbler (5XX), dem jambischen und trochäischen 
sechssilbler (6 XX und 6 XX) sowie beim trochäischen siebensilbler (7 XX) 
je einer, bei dem jambischen siebensilbler und achtsilbler je 2, bei dem 
trochäischen achtsilbler 3 tactwechsel. 
Über die Zulässigkeit des tactwechsels in den einzelnen der er 
wähnten zeilen bestehen keine festen regeln 4 . In der zweiten periode der 
mittellateinischen dichtung finden wir ihn häufig im jambischen fünf-, 
sechs-, sieben- und achtsilbler, ferner im trochäischen siebensilbler, 
weniger oft im trochäischen sechssilbler, überhaupt mehr in jambischen 
als in trochäischen zeilen, weil der trochäische anfang beliebter war. 
Die meisten gedichte der Carmina Burana zeigen erscheinungen 
des tactwechsels; ganz ohne tactwechsel sind folgende: nr. 2 s. 2, 6 s. 5, 
11 s. 8, 20 s. 21, 64 s. 36, 67 s.37, 71 s.41 5 , 73 s.43, 96 s.52, 47 
s. 136 5 , 52 s. 145, 56 s. 148, 59 s. 150, 60 s. 150, 78 s. 165, 79 s. 166, 
1) Vgl. W. Meyer a. a. o. s. 180 fg. und 261 fg. 
2) Vgl. a. a o. s. 180 fg. 
3) a. a. o. s. 185 fg. 
4) Vgl. W. Meyer a. a. o. s. 261 fg. 5) Vgl. ebenda s. 261.
	        

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