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der mittellateinischen dichtung za beachten: als allgemeine: tonfall
innerhalb der zeilen, zeilenschlüsse, strophenbau, allittera-
tion und Wortspiel; als specielle: zeilenarten und zeilenverbin-
dungen, strophenschluss, silbenzahl der zeilen, hiatus, reime,
reimformen. 1
Es steht fest, dass die kunst der blütezeit, wie sie durch die
gedichte Adams von St. Victor und Walthers von Chatilion oder
die gedichte der handschrift von St. Omer insbesondere dargestellt wird,
wie sie uns aber auch in den gedichten des Archipoeten und den bei
Wright gedruckten liedern entgegen tritt, und wie sie endlich die grosse
masse der bei Mone und Dreves gedruckten hymnen bieten, dass diese
kunst zahlreiche zeilenarten und kunstvolle Zeilenverbindungen verwandte,
streng die silbenzahl der zeilen wahrte, die reime und zeilenschlüsse rein
hielt, innerhalb der zeilen daktylische Wortschlüsse und schwere ein
silbige Wörter in zweiter Senkung vermied, selten hiatus zuliess, in reim
formen und im strophenbau die kunstvollsten und künstlichsten bildungen
schuf und allitteration sowie Wortspiel als stilmittel verwandte.
Nun handelt es sich für uns darum, festzustellen, wie die Car-
mina Burana sich im einzelnen zu jedem der erwähnten factoren ver
halten, und zu versuchen, aus den ergebnissen der einzeluntersuchung
mehr oder weniger feste kriterien zur heimatsbestimmung — denn
das ist zunächst das wichtigste —, insbesondere zur erkenntnis
deutscher herkunft zu gewinnen.
Von unserer betrachtung scheiden wir vorerst diejenigen latei
nischen lieder aus, die von deutschen Strophen begleitet sind, weil auf
sie erst die ergebnisse der Untersuchung angewandt werden sollen, also
nr. 98 s. 177 — 117 s. 192, 123 s. 197 — 137 s. 209, 139 s. 210 —
144 s. 215, 163 s. 226 — 166 s. 228. Auch nr. 24 s. 27 und nr. 186
s. 72 müssten streng genommen ausgeschlossen werden; doch ist in
diesen beiden fällen das Verhältnis zur folgenden deutschen Strophe
bereits geklärt. Bei beiden liedern weichen die angehängten deutschen
Strophen nr. 144b und 186a so entschieden von den lateinischen ge
dichten ab, dass an eine entnähme des metrischen motivs seitens dieser
nicht zu denken ist. Das Verhältnis von 186 : 186a hat Ehrismann 2
richtig gedeutet: zwei originale lieder stehen sich gegenüber. In bezug
auf das Verhältnis zwischen nr. 24 und 144 b ist die Priorität des
lateinischen liedes schon aus dem gründe evident, weil nr. 24 ein
1) Die Unterscheidung von allgemeinen und speciellen merkmalen stammt nicht
von W. Meyer, sondern stellt die von mir gewählte anordnung dar.
2) Zeitschr. 36, 402.

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