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Nach Poincares Ansicht ist also die theoretische Physik der weit
weniger bedeutende Zweig der Physik.
Wenn man nun bedenkt, daß die theoretische Physik und die
praktische Physik in einem Punkte methodologisch zusammentreffen,
nämlich darin, daß beide Anteil nehmen an der spekulativen Natur
der physikalischen Forschung, die sich in der Schaffung idealer
Funktionskomplexe, d. h. Schaffung von Vorstellungen über den
Erscheinungen zu Grunde liegende primärere Funktionskomplexe
kennzeichnet, so begreift man ohne weiteres, daß diese beiden Gebiete
sich ebenbürtig zur Seite stehen. Zwar ist ihre weitere Arbeits
weise eine verschiedene, denn die theoretische Physik rechnet und
die praktische experimentiert, aber beide arbeiten Land in Land,
so daß die eine die andere nicht entbehren zu können scheint. Wollte
man aber trotzdem eine Wertabschätzung treffen, so dürfte diese
zu Gunsten der Experimentalphysik ausfallen; denn die theoretische
Physik schwebt ohne die praktische Verifikation und Erweiterung
ihrer Rechnungs- (Deduktions-) Ergebnisse völlig in der Luft, sie
würde in Arsacheninduktion Lartmannscher Definition ausarten.
Dahingegen bedarf die Experimentalphysik dieser Bestätigung durch
die theoretische Physik nicht, wohl aber würde ihr mit der
theoretischen Physik die rationelle Ausnutzung der spekulativen
Seite der physikalischen Forschung verloren gehen. Können wir
daher Poincare nicht beistimmen, wenn er die Stellung der
theoretischen Physik völlig zugunsten der praktischen verschiebt,
so ist aber noch viel weniger Lartmann einzuräumen, daß die
theoretische Physik das Allerheiligste, die praktische nur der Vorhof
des Tempels sei. Lier zeigt sich in der allerdeutlichsten Weise
seine grundfalsche Auffassung über die naturwissenschaftliche
Methode.
Für die weitere Untersuchung ist Lartmann nun die praktische
Physik auf Grund seiner verkehrten Anschauung losgeworden.
Alles folgende seiner Untersuchung bezieht sich nur noch auf die
theoretische Physik.
Von ihr behauptet Lartmann zu Eingang des erwähnten
Kapitels, daß sie sowohl in ihren Zielen wie in ihrer Methode
der älteren spekulativen Naturphilosophie ähnele; denn sie wolle
gleich dieser die Natur auf deduktivem Wege konstruieren, indem
sie von allgemeinsten Grundbegriffen und Grundsätzen ausgehe, die

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