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Die Vielheit der Dinge an sich, folgert Äartmann weiter, ver
langt ein principium individuationis. Nach den Ergebnissen der
neueren Naturwissenschaft aber erklären sich alle Veränderungen
an dem Ding an sich durch Bewegungen: daher müssen die Dinge
an sich Räumlichkeit oder etwas ihr Entsprechendes haben. Ein
dimensional wird sie niemand annehmen, da dies zur Erklärung der
Sinneswahrnehmung unbrauchbar ist. Ebenso steht es mit einer
zweidimensionalen Räumlichkeit. Der vierten Dimension oder einer
höheren, die noch in Betracht käme, können die physikalischen
Erscheinungen zu ihrem Verständnis entbehren. Darum „haben wir
vorläufig daran festzuhalten, daß der reale und der subjektive Raum
darin übereinstimmen, kontinuierliche Größen von drei Dimensionen
zu sein". Jedoch könnte diese kontinuierliche Größe von drei
Dimensionen immerhin noch von unserm Vorstellungsraum völlig
verschieden sein. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist äußerst
klein,' daß in der realen Individuation der Raum durch eine
anderweitige Form des gleichzeitigen Nebeneinanders mit drei
kontinuierlichen Dimensionen ersetzt sei. Denn es spräche nicht das
allergeringste hierfür, und es sei andererseits nicht das allergeringste
ausfindig zu machen, was dagegen spräche, daß es nicht die Form
der Räumlichkeit selbst sei, die die Zeit zum realen prinoipium
individuakionl8 ergänzt. Ferner stimmt diese Annahme auch mit
den beiden methodischen Grundsätzen überein: principia praeter
nece88ilakem non 8unt mulkiplicanda und 8implex sigillum
veri. Schließlich wird noch das höchste metaphysische Prinzip,
das eigentlich noch erst induktiv zu erschließende, zur Stütze für
die Vorstellungsräumlichkeit der Dinge an sich herbeigezogen: die
Dinge an sich sind ja nur realisierte Intuitionen der unbewußten
Vernunft, die in unbewußter, intuitiver Weise die Sinnes
empfindung nach Maßgabe der in ihr gegebenen Merkmale zur
räumlichen Anschauung formiert, und da liegt der Gedanke nahe,
daß die unbewußte Vernunft in beiden Fällen sich einer und
derselben Intuitionsform bedienen werde?
Mir will es scheinen, daß Äartmann, nachdem er eben erst die
Brücke ins Jenseits geschlagen hatte, nach dem ersten Eindringungs
versuche sich sofort in die bewußte Welt wieder zurückziehen mußte.
1 K. G. 109-111.
! Vgl. hierzu Kap. VII, S. 107—118 der „Kritischen Grundlegung".

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