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ln den leichteren Fällen ist die depressive Verstimmung
keine dauernde. Schon Tagesschwankungen beobachtet man
häufig. Die Beschwerden pflegen morgens am heftigsten
aufzutreten, gegen Abend klingen sie ab oder verschwinden
ganz, um sich dann am nächsten Morgen mit erneuter Stärke
einzustellen. Auch in Gegenwart von Fremden vermögen
sich viele Hypochonder zu beherrschen und selbst vergnügt
und zu Scherzen aufgelegt zu zeigen; läßt man sie aber
allein oder im Kreise der Verwandten, so treten die krank
haften Vorstellungen in verstärktem Maße wieder auf.
Durch einen Zufall, ein hingeworfenes Wort, eine Schrift,
Bilder, die in den Kreis der abnormen Empfindungen passen,
können Angstparoxysmen höchsten Grades ausgelöst werden.
Die Kranken rennen tobend umher, zerreisen ihre Kleider,
zerkratzen sich das Gesicht, schreien und jammern, ja, die
Erregung kann sich derart steigern, daß ein rücksichtsloser
Drang zur Selbstvernichtung die Patienten ergreift. Auch
außerhalb dieser Anfälle sind beim Hypochonder Selbstmord
versuche und Selbstbeschädigungen nicht selten. Letztere
kommen häufig in therapeutischer Absicht vor. Wenn die
Kranken ihren Arzt immer wieder vergeblich gebeten haben,
sie durch Trepanation, Laparatomie oder Castration von
ihren vermeintlichen Leiden zu heilen, dann versuchen sie,
selbst die Operation an sich auszuführen, und fügen sich die
gefährlichsten Verletzungen zu.
Sind daher die schwer Erkrankten durch die fortwährend
nötige Überwachung eine Last für ihre Umgebung, so ist
dies nicht minder dort der Fall, wo die Krankheit einen
weniger erheblichen Grad erreicht hat. Denn jeder Hypo
chonder ist ein Egoist, die unausbleibliche Folge der stets
nur auf die eigene Person gerichteten Aufmerksamkeit. Alle
anderen Interessen werden aufgegeben, der Beruf vernach
lässigt, Zeit und Geld werden ganz in den Dienst der
Krankheit gestellt. Es ist den Kranken unerträglich, sehen
zu müssen, wie ihre Umgebung heiter und vergnügt ist,
während sie selbst die fürchterlichsten Qualen ausstehen
müssen. Sie verlangen Mitleid und Teilnahme und erzwingen
sie sich unter Umständen durch Drohungen sich das Leben
zu nehmen, durch Simulation sich nicht bewegen, nicht

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