Full text: Ein Beitrag zur Frage der nosologischen Stellung der Hypochondrie

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Bei der Mehrzahl der Fälle bleibt es aber nicht bei dieser 
Angst bestehen. Die fortwährende Beobachtung der Organe 
des Körpers, die krankhafte Verarbeitung der physiologischen 
Erscheinungen läßt sie zu dem unausweichbaren Ergebnis 
gelangen, daß sie unrettbar erkrankt sind. Die Angst vor 
den Folgen des Leidens, vor unheilbarem Siechtum, vor dem 
Drohen des Todes tritt in den Vordergrund der Erscheinungen. 
Die gestörte Empfindung kann auf ein Organ beschränkt 
bleiben, sie kann aber auch auf die andern Teile des Körpers 
ausgedehnt werden. 
Die Kranken bauen sich gewissermaßen ein eigenes 
System der Anatomie und Pathologie auf. Wie dieses nun 
verwertet wird, ob es bei einfacher, im Bereich der physio 
logischen Möglichkeit liegender Deutung bleibt, oder ob es 
zu fantastischer Weiterbildung kommt, das hängt von der 
Veranlagung und dem Bildungsgrade des Erkrankten ab. 
Die Landbevölkerung glaubt häufig ihre Leiden durch die 
Tätigkeit von Tieren hervorgerufen; Kriebeln ist durch 
Ameisen unter der Haut, Schmerzen im Leib durch Würmer 
und Vögel in den Därmen, Fröschen im Magen veranlaßt. 
Die Gebildeten beziehen dagegen ihre Beschwerden gern auf 
eine Alteration ihres Nervensystems, fürchten von Krankheiten 
befallen zu sein, die grade zu der Zeit besonderes Interesse 
in der medizinischen und Laienwelt erregen. Die Angst vor 
Bazillen ist sehr ausgebreitet, Schmerzen im Unterleib sind 
bei Frauen mit Bestimmtheit durch Uteruscarcinom hervor 
gerufen, für Schwindel und Vergeßlichkeit muß die Ursache 
in Gehirnerweichung, für Rückenschmerzen in Tabes zu 
finden sein. Mit größter Deutlichkeit beobachten die Kranken 
angebliche Veränderungen der inneren Organe: sie werden 
größer oder kleiner, ihr Gewicht nimmt zu oder ab, die 
Därme sind leer, wachsen zusammen, das Gehirn verflüssigt, 
wird hohl, das Rückenmark ist dünn wie ein Faden. 
Charakteristisch ist. die konsequente und logische Ver 
arbeitung der Sensationen, das unerschütterliche Festhalten 
an der einmal gefundenen Deutung, das in den schwereren 
Formen die Kranken völlig unzugänglich der entgegengesetzten 
Ansicht des Arztes macht, außerordentlich empfänglich dagegen 
für jede noch so schwache Bestätigung ihren eignen Diagnose.
	        

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