Full text: Ein Beitrag zur Casuistik der Neuritis multiplex alcoholica mit Korsakow'scher Psychose

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Die Erinnerungsfälschungen nehmen häufig einen breiten 
Raum in dem Bilde unserer Psychose ein. Früher einmal 
Erlebtes wird nicht nur als heute, gestern Geschehenes dar 
gestellt, es wird auch umgedichtet. Einzelheiten werden oft 
mit minutiöser Genauigkeit wiedergegeben; anderes aber, oft 
viel Wichtigeres, ist vergessen und wird nur aus der Phantasie 
ergänzt. Diese Erinnerungsfälschungen treten namentlich bei 
darauf gerichteter Untersuchung deutlich zu Tage. Hier ent 
springen dieselben wohl meist aus dem Bestreben der Kranken, 
ihren Gedächtnisausfall zu verschleiern. Bei an sie gerichteten 
Fragen suchen sie die Lücken in ihrer Erinnerung zu über 
brücken, sie dichten sich ad hoc etwas zusammen, von dessen 
Tatsächlichkeit sie dann freilich selbst fest überzeugt sind. 
Doch versteigen sich diese Confabulationen höchst selten ins 
Ungeheuerliche, Unmögliche, wie es bei Paralytikern das Typische 
ist. Vielmehr erscheint das Vorgebrachte zumeist in streng 
logischem Zusammenhang mit der Wirklichkeit, die Kombinations 
gabe und das Denkvermögen sind in der Regel durchaus intakt. 
Später haben die Kranken das Gedichtete selbst wieder ver 
gessen und bringen bei erneutem Zurückkommen auf dieselbe 
Begebenheit vielleicht etwas ganz anderes vor. Seltener ist es 
entschieden, daß sie dasselbe immer wieder von neuem erzählen, 
in der Meinung, dem Zuhörer damit jedesmal eine Neuigkeit 
zu berichten. 
Haben wir es bisher nur mit Fälschungen der Erinnerung 
zu tun gehabt, so ist nun noch der eigentlichen Täuschungen 
derselben zu gedenken, die Sully auch als „Halluzinationen 
der Erinnerung“ bezeichnet hat. Beim Auftreten dieser Anomalie 
produzieren die Kranken angeblich selbst erlebte Begebenheiten, 
die überhaupt jeder tatsächlichen Unterlage entbehren. Sie 
behaupten, soeben von einer Jagd, von der Arbeit, von einer 
Reise, aus der Kneipe zu kommen, und geben meist detaillierte, 
langatmige Schilderungen dieser eingebildeten Erlebnisse. Es 
ist ungemein schwer, im gegebenen Falle zu entscheiden, ob 
diesen Produktionen echte Halluzinationen zu Grunde liegen. 
Die meisten Autoren nehmen das für die Mehrzahl der Fälle 
nicht an. In der Regel bringen nämlich die Kranken diese
	        
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