Full text: Ein Beitrag zur Casuistik der Neuritis multiplex alcoholica mit Korsakow'scher Psychose

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Ueber das Wesen dieser Amnesie sind die Ansichten der 
Autoren noch durchaus geteilt. Möbius hält sie, ganz analog 
den hysterischen Amnesieen, für rein funktionell. Redlich 
nimmt einen Defekt in der Verarbeitung der Wahrnehmungen 
an, er glaubt: „daß jene Spuren, die jeder Eindruck in unserem 
Gehirn zurückläßt, mangelhafte, wenig gefestigte sind. Wir 
haben da eine Störung in der Tätigkeit jener Abschnitte zu 
vermuten, in denen die Erinnerungsbilder gebildet werden.“ 
Wernicke hält eine bestimmte anatomische Läsion für notwendig, 
und stützt sich dabei auf die Befunde, die man bei Erkrankungen 
gemacht hat, die gleichfalls eine Amnesie besonders für die 
jüngste Vergangenheit aufweisen, wie das senile Irresein, die 
apoplektische Demenz und schwere Strangulationsfälle mit 
Krämpfen. Seiner Ansicht nach besitzt das Gehirn eine sehr 
verschiedengradige Empfindlichkeit gegen Schädigungen. Die 
„alt eingeschliffenen Associationskomplexe“ sollen sich resistenter 
verhalten als „die jungen, gewissermaßen noch embryonalen 
Komplexe“. 
Eine wichtige Folgeerscheinung dieses Gedächsnisausfalles 
ist es, daß die Kranken sich nicht selten, wie in dem oben 
zitierten Falle Liepmanns, um eine längere oder kürzere Zeit 
zurückversetzt glauben und ihre Umgebung demgemäß beurteilen. 
Sie glauben, sie seien noch beim Militär, in der Schule oder 
an einem Orte, wo sie vor Jahren vielleicht einmal gearbeitet 
haben. Mit dieser Vorstellung suchen sie nun alles, was um 
sie vorgeht, in Einklang zu bringen. So entsteht eine Situations 
mißdeutung, die unter Umständen recht hartnäckig sein kann. 
In diesem Sinne spricht Korsakow von einem „fixierten Wahn“ 
dieser Patienten. Doch ist die Unkorrigierbarkeit dieser 
Meinung der Kranken, in einem bestimmten Zeitabschnitt der 
Vergangenheit zu leben, bei weitem nicht so häufig, wie es 
Korsakow anzunehmen scheint. Meist gelingt es unschwer, 
die Patienten von der Uprichtigkeit ihrer Ansicht zu überzeugen 
und sie davon abzubringen. Nur deshalb stellen sich diese 
Ideen so häufig immer wieder von neuem ein, weil die Kranken 
eben die Korrektur ihrer verkehrten Vorstellung schnell wieder 
vergessen.
	        
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