Full text: Ein Beitrag zur Casuistik der Neuritis multiplex alcoholica mit Korsakow'scher Psychose

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Fälle — geht dem eigentlichen typischen Symptomenkomplex 
eine delirant gefärbte Phase von kürzerer oder längerer Dauer 
voraus, die in allen ihren Erscheinungen mit dem Delirium 
tremens fast durchaus übereinstimmt. Erst durch den weiteren 
Verlauf wird man über die Fehldiagnose „Delirium tremens“ 
aufgeklärt: der terminale Schlaf bleibt aus, der Tremor, der 
Schweiß, die Rötung des Gesichts gehen zwar zurück und die 
Erregung läßt allmählich nach, doch bleiben die Kranken ver 
wirrt und desorientiert und erst jetzt treten aufs deutlichste 
die typischen Symptome der Korsakow’schen Psychose in den 
Vordergrund. In den übrigen Fällen — es sind dies meist 
die nicht auf Alkoholismus zurückführbaren — beginnt die 
Erkrankung ohne ein solches Stadium der Erregung, sondern 
es zeigen sich von vornherein die charakteristischen Gedächtnis 
störungen. 
Die eigentlichen Symptome der Erkrankung sind zu 
scheiden in die Störung der Merkfähigkeit, den Gedächtnis 
ausfall, die Erinnerungsfälschungen und -täuschungen und die 
Folgen all dieser Anomalieen. 
Die Merkfähigkeit ist stets bedeutend herabgesetzt. Die 
Kranken wissen z. D. nach wenigen Minuten nicht, daß sie 
soeben zu Mittag gegessen haben, haben eine vorgesprochene 
Zahl nach ganz kurzer Zeit völlig vergessen, haben überhaupt 
keine Ahnung davon, daß eben der Arzt bei ihnen war, 
u. dergl. m. Oft scheint es sogar, als ob die Merk 
fähigkeit völlig verloren gegangen sei. Doch tatsächlich ist 
das wohl nie der Fall. Es ist dann nur unmöglich, die 
apathischen Kranken momentan zu fixieren. Man findet hei 
derartigen Patienten gar nicht selten später, daß doch etwas 
von dem mit ihnen vorgenommenen Experiment haften geblieben 
ist. Obgleich sie kurz nach dem angestellten Versuch an 
scheinend gar nichts von dem Gehörten resp. Gesehenen behalten 
hatten, geben sie vielfach bedeutend später bei irgend einer 
Gelegenheit etwas von dem damals Erlebten ganz richtig wieder- 
Während Korsakow diese Erscheinung auf „latente Gedächtnis 
spuren“, die ohne jedes Wissen des Kranken entstehen sollen, 
zurückzuführen sucht, hält Bonhoeffer sie lediglich für einen 
Beweis des partiellen Erhaltenbleibens der Merkfähigkeit. Für
	        
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