Full text: Die literargeschichtlichen Kenntnisse und Urteile des Jean-Louis Guez de Balzac

32 
Kapitel I. 
Balzacs Kenntnis der griechischen Literatur 
und seine Urteile über dieselbe. 
Seit den Tagen Petrarcas waren die westeuropäischen 
Völker den Geistesidealen des Altertums wieder innerlich 
näher getreten. Für Frankreichs sprachliche und literarische 
Entwicklung war diese Wiederannäherung von folgenreicher 
Bedeutung. Die griechischen und lateinischen Dichter und 
Prosaiker wurden im 16. und 17. Jahrhundert als höchste 
Muster dichterischen und literarischen Schaffens betrachtet 
und nachgeahmt. Wohl machte sich bereits Ende der zwan 
ziger Jahre des 17. Jahrhunderts eine Gegenströmung gegen 
den Zeitgeist, gegen den vorherrschenden Klassizismus geltend, 
insofern wenigstens, als eine tadelnde Kritik der Alten und 
ihrer Nachahmer sich an den Tag wagte. 123 ) Vorherrschend 
aber war und blieb noch für längere Zeit der Klassizismus, 
die Richtung, welche durch das 16. Jahrhundert angebahnt 
worden war und um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Boileau, 
Racine ihren Höhe- und Glanzpunkt erstieg. 
Es drängt sich uns nun die Frage auf, in welchem 
Verhältnis Balzac, der Nachbildner der antiken lateinischen 
Prosa, zu den Autoren des Altertums überhaupt gestanden, 
welche Kenntnisse er von ihnen besessen, wie er sich in seinen 
Schriften über sie geäußert hat. Erörtern wir diese Frage 
zunächst ganz allgemein, so wird uns sofort auffallen, wie er 
allzeit seine große Verehrung des Altertums betont, die Klassiker 
seine Freunde genannt hat, deren Lektüre seine Lieblings 
beschäftigung in seiner Einsiedelei bilde. 124 ) Aber so sehr 
B. auch darauf gedrungen hat, daß man jene alten Meister 
als höchste Autorität ansehe, ihre Größe und Vollendung 
l ewundere und ihrem Beispiel folge, ihre Schwächen dagegen 
nicht geflissentlich zur Schau stelle, 125 ) so müssen wir doch 
voll und ganz anerkennen, daß er nicht eine unbedingte 
Unterwerfung unter die Gesetze der Alten verlangt, im Gegenteil
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.