2
freilich, welche, wie wir später sehen werden, von tendenziöser
Absicht geleitet sind, erscheinen uns oft geradezu widerwärtig;
sie ekeln uns an durch Mangel an Manneswürde; dieselben
zeigen uns aber deutlich, wie die Idee des Absolutismus in
jenen Jahren schon in der Luft schwebte — wir Menschen
des zwanzigsten Jahrhunderts können uns nur voll Ekel von
Balzacs Ideal abwenden. Als Moralist ist er aber von
gewisser Bedeutung für seine Zeit gewesen, und auch heute
noch verdienen seine „Dissertations morales“ gelesen zu
werden. 7 ) Unweit hervorragender, bedeutender ist seine
Stellung als literarischer Kritiker. Dem Wert seiner Kritik
haben schon seine Zeitgenossen volle Anerkennung gezollt,
während spätere Literarhistoriker wie Laharpe, 8 ) Voltaire'•’)
u. and. sie ihm versagt haben. In seinen Briefen freilich —
bis ungefähr ums Jahr 1635 — die im Rausche der Jugend
geschrieben und durchaus in emphastisch-rhetorischem Tone
gehalten sind, kann man wohl von Hohlheit und Nichtigkeit
der Gedanken mit Recht sprechen, in ihnen ist das Glänzen
mit schönem Stil Selbstzweck oder auch Mittel zu dem Zweck,
nämlich sich bei seinen Lesern in Gunst und Ansehen zu
setzen. Seine späteren Briefe, im besonderen diejenigen an
Chapelain 10 ) und Conrart, 11 ) vor allem aber seine „Disser
tations critiques“, 12 ) enthalten manche schöne und tiefe
Gedanken, manche wertvolle Kritiken; in diesen Schriften
gefällt er sich nicht mehr in so starker Überschwänglichkeit
wie früher. 13 ) Er antwortet in denselben auf die verschiedenen
Fragen, die man an ihn über literarische Gegenstände richtet;
er bittet andere um ihre Ansicht, regt sie so zur Kritik an;
die damals angesehensten Literaten Chapelain, Corneille,
die Geschwister Scudery, das Hotel de Rambouillet, die
Akademie u. and. bitten ihn oft um seinen Rat, und mit
Freuden kommt Balzac ihrer Aufforderung nach — man
denke z. B. an seine nicht unbedeutende Beteiligung am
Cidstreit. 14 ) Ist Balzac auf diese Art den Gelehrten, den
Literaten seines Volkes nicht ohne Nutzen und ohne geringen
Einfluß gewesen, so ist doch auch, infolge der schnellen und
grossen Verbreitung seiner Werke, besonders seiner Briefe,
wohl mit Recht anzunehmen, daß er auf die große Masse

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.