Full text: Die literargeschichtlichen Kenntnisse und Urteile des Jean-Louis Guez de Balzac

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freilich, welche, wie wir später sehen werden, von tendenziöser 
Absicht geleitet sind, erscheinen uns oft geradezu widerwärtig; 
sie ekeln uns an durch Mangel an Manneswürde; dieselben 
zeigen uns aber deutlich, wie die Idee des Absolutismus in 
jenen Jahren schon in der Luft schwebte — wir Menschen 
des zwanzigsten Jahrhunderts können uns nur voll Ekel von 
Balzacs Ideal abwenden. Als Moralist ist er aber von 
gewisser Bedeutung für seine Zeit gewesen, und auch heute 
noch verdienen seine „Dissertations morales“ gelesen zu 
werden. 7 ) Unweit hervorragender, bedeutender ist seine 
Stellung als literarischer Kritiker. Dem Wert seiner Kritik 
haben schon seine Zeitgenossen volle Anerkennung gezollt, 
während spätere Literarhistoriker wie Laharpe, 8 ) Voltaire'•’) 
u. and. sie ihm versagt haben. In seinen Briefen freilich — 
bis ungefähr ums Jahr 1635 — die im Rausche der Jugend 
geschrieben und durchaus in emphastisch-rhetorischem Tone 
gehalten sind, kann man wohl von Hohlheit und Nichtigkeit 
der Gedanken mit Recht sprechen, in ihnen ist das Glänzen 
mit schönem Stil Selbstzweck oder auch Mittel zu dem Zweck, 
nämlich sich bei seinen Lesern in Gunst und Ansehen zu 
setzen. Seine späteren Briefe, im besonderen diejenigen an 
Chapelain 10 ) und Conrart, 11 ) vor allem aber seine „Disser 
tations critiques“, 12 ) enthalten manche schöne und tiefe 
Gedanken, manche wertvolle Kritiken; in diesen Schriften 
gefällt er sich nicht mehr in so starker Überschwänglichkeit 
wie früher. 13 ) Er antwortet in denselben auf die verschiedenen 
Fragen, die man an ihn über literarische Gegenstände richtet; 
er bittet andere um ihre Ansicht, regt sie so zur Kritik an; 
die damals angesehensten Literaten Chapelain, Corneille, 
die Geschwister Scudery, das Hotel de Rambouillet, die 
Akademie u. and. bitten ihn oft um seinen Rat, und mit 
Freuden kommt Balzac ihrer Aufforderung nach — man 
denke z. B. an seine nicht unbedeutende Beteiligung am 
Cidstreit. 14 ) Ist Balzac auf diese Art den Gelehrten, den 
Literaten seines Volkes nicht ohne Nutzen und ohne geringen 
Einfluß gewesen, so ist doch auch, infolge der schnellen und 
grossen Verbreitung seiner Werke, besonders seiner Briefe, 
wohl mit Recht anzunehmen, daß er auf die große Masse
	        
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