Es scheint dem Dichter selbst Schwierigkeiten gemacht zu haben,
denn weder sind die Reime stets rein, noch ist das Metrum streng
eingehalten.
In der Darstellung der Kreuzigung enthält diese Compassio
einige der für die Mystik characteristischen Details, (b, c, e), wie
auch Dunbar’s genanntes Werk. In Str. 2 und 3 sind kurze Klagen
in die Darstellung eingeflochten, von Maria an den Dichter ge
richtet. Sie beginnt mit Vorwürfen, die sie dem “unkynd“ Menschen
macht, für welchen ihr Sohn leidet cf. E 4. — Die zweite Klage
in Str. 3 spricht Mariae Bewußtsein der eigenen irdischen, mensch
lichen Schwäche aus, die sie zur Trauer -zwingt; ganz ähnliches
fanden wir schon in D 6 vgl. Y 24248); ich möchte bezweifeln,
daß in romanischen Ländern solche Äußerungen möglich waren.
— Dabei vertraut Maria fest auf die Auferstehung cf. H 1007
und „Horae de cruce“ (EETS. OS. 98 S. 37), wo ihre einzigen
Worte während der Kreuzabnahme sind: “A, sone. . . f>ou shalt
rise from def> to lyue, as J>ou er seidest me“ (Vers 83 ff.).
Die Einkleidung des Gedichtes als Vision ist in dieser
Zeit, im 15. Jh., conventioneil; der Traum und die der französischen
Pastourele 1 ) entlehnte Einleitung sind in den Gedichten des Eairfax
Ms., dem auch M entnommen ist, recht häufig. Die Pastourelen-
einleitung geistlicher Lieder (cf. V-—W) zeigt sich als Rest der
Einwirkung der weltlichen Lyrik auf die geistliche Schwester; in
früherer Zeit war der weltliche Einfluß lebendig gewesen — davon
ist nur die stereotype Phrase geblieben.
Die beiden nun zu besprechenden Klagen haben große Ähn
lichkeit mit den sog. „dramatischen Lauden“ Italiens 2 ), deren be
rühmteste des Jacopöne da Todi (?) „Donna del paradiso“ (it. XLVI)
ist. Wie der Stoff es mit sich bringt, sind diese unsere Stücke
N und 0 sich recht ähnlich; sie stehen aber auch noch in anderer,
engerer Verbindung. Der Kehrreim von O ist nämlich fast genau
identisch mit den beiden ersten Versen bezw. (in einer anderen
Fassung) der Überschrift von N, und die erste Strophe von O
') Cf. Aust Archiv LXX, 253 ff.
8 ) Cf. oben S. 15 f.

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