Full text: Über die englischen Marienklagen

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aus der Passionsdarstellung heraus und kleidet ihn in ein eigen 
artiges Gewand, das besonders VV. schlecht genug paßt. Zeit 
lich liegen die hier vorgeführten Scenen, Klagen der Maria vor 
dem Dichter, der Passion sehr nahe, anders X—a : hier erzählt 
Maria oder Christus irgendwann irgendwem irgendwo Compassion 
und Klagen — eine weitere Entfernung von dem lebendigen 
dramatischen Bild ist undenkbar. Diese Art, die Compassio vor 
zuführen, ist ein durchaus unpoetischer Kunstgriff. Bezeichnend 
dafür ist, daß im B.-Tr., dem Musterbeispiel für diese Art, 
der Autor plötzlich von der Rede in der ersten Person in die 
Erzählung in der dritten Person fällt, bezeichnend auch, wie 
sich die Bearbeiter des B.-Tr. dazu stellen. — Von der 
Passion weit entfernt, aber von größtem poetischen Wert ist ß\ 
dies Wiegenlied schließe ich hier nur darum an, um zu zeigen, 
wie mannigfacher Einkleidung und Verwendung die Mkl. auch 
im Me. fähig ist. Endlich bemerke ich noch, daß ich eine 
Scheidung der Klagen, wie W. sie für die romanischen durch 
zuführen versucht, nämlich in epische und dramatische, für recht 
unglücklich halte, einmal wegen mancher Übergänge zwischen 
diesen Gattungen (cf. auch W. S. 34), besonders aber — und 
darum darf man die dramatischen nicht bevorzugen — wegen 
der litterarischen Beziehungen beider untereinander. Etir das 
deutsche Passionsschauspiel ist nach der oben vertretenen Auf 
fassung die epische Form der Mkl. die Grundlage der drama 
tischen; für das Digby-Spiel läßt sich mit Bestimmtheit, für die 
Klagen der York- und Towneley-Spiele mit Wahrscheinlichkeit 
dasselbe behaupten; und wenn die Quelle von Arnoul Greban's 
großem Spiel (W. franz. V) Bonaventura ist, so gewinnt bei der 
Bedeutung G.s für die Folgezeit die epische Darstellung auch 
für Frankreichs Passionsdrama den Wert einer Hauptwurzel. 
(Einige Anklänge der „Passion d’Amboise“ (franz. VI) an den 
B.-Tr. genügen nicht, ihn sicher als Grundlage zu erweisen). — 
Im Gegensatz_jdazu sind nach der Ansicht von d’Ancona (Origini 
del teatro italiano I), die der von Schönbach über die deutschen 
Mkl. parallel geht, die dramatischen Lauden die Wurzeln der 
„Sacra Rappresentazione“, des italienischen geistlichen Dramas. 
— Also: wir haben keinen Grund, unter den me. Mkl. die 
dramatischen zu bevorzugen, wenn sie auch nicht mit Unrecht
	        
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