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Charpentier war Mitglied der Akademie und ein Mann
von Kenntnissen. Der Commission des Medailles, aus der
später die Academie des Inscriptions et Beiles-Lettres hervor
gehen sollte, gehörte er ebenfalls als Mitglied an. B.’s Urteile
über ihn dürften zum mindesten in ihrer Form zu hart sein.
§ 75. Bei diesem scharfen Strafgericht muß es befremden,
daß ein jetzt gänzlich vergessener Autor, Frangois Cas-
sandre, 86 ) der aber als Mensch höchst achtbar war, von
B. eine auffallend hohe Auszeichnung erhalten hat. B. hat
seinem Andenken die ersten 65 Verse seiner ersten Satire
gewidmet. Das Lob, das unser Kritiker ihm zuerteilt, bezieht
sich daher auch mehr auf die Charaktereigenschaften als auf
die poetischen Werke Cassandre’s. B. läßt Cassandre Sat. I,
45—49 sprechen:
»Je ne sais point en lache essuyer les outrages
D’un faquin orgueilleux qui vous tient ä ses gages,
De mes sonnets flatteurs lasser tout l’univers,
Et vendre au plus offrant mon encens et mes vers:
Pour un si bas emploi ma muse est trop altiere.
Je suis rustique et fier, et j’ai l’äme grossiere.«
Dem Mut, mit dem Cassandre sein schweres Lebenslos
trug, 87 ) und der Unbestechlichkeit, die so sehr von der
Charakterlosigkeit mancher Versmacher abstach und sie zu
Schmeichlern bei reichen Gönnern werden ließ, hat Cassandre
dies Ehrendenkmal zu verdanken, das B. ihm an genannter
Stelle setzte.
III.
§ 76. Cassandre stand in schroffem Gegensatz zu den
vielen Versmachern, auf welche die nun folgenden Aus
führungen sich beziehen werden. Dieselben fristeten z. T.
ihr Leben durch gewerbsmäßigen Betrieb des Beimhandwerks,
indem sie wohlhabenden Personen schmeichlerische Verse
widmeten und in würdeloser Weise sich die größten Be
leidigungen gefallen ließen. Daß Leute solchen Schlages in
so großer Zahl vorhandeu sein konnten, erklärt sich aus der
Genügsamkeit, mit welcher das damalige Publikum auch
armselige Machwerke hinzunehmen sich herbeiließ. Zu B.’s
Zeiten gehörte es so zu sagen zum guten Ton, Verse zu
machen, und man verlangte vom Verse nicht viel mehr, als

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