Full text: Die Urteile Boileaus über die Dichter seiner Zeit

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Vergleich der Vorzuggegeben werden mußte. Es wird indeß von 
B. anerkannt, daß Cyrano’s Werke das Interesse des Lesers im 
Gegensatz zu so vielen ausdruckslosen, stereotypen Mach 
werken der Zeit zu fesseln vermögen, und man dürfte daher 
wohl annehmen, daß B. Geist genug gehabt hat, um Cyrano’s 
Witz gebührend zu würdigen. Freilich kann man an dieser 
Annahme wiederum etwas zweifeln, wenn man die • nicht 
gerade schmeichelhafte Bezeichnung »fou« auf Cyrano bezieht. 
Wenn B. im Ernst dem von Witz sprühenden Gascogner ein 
solches Prädikat zuerkannte, kennzeichnete er sich als Philister, 
welcher eine Originalität wie die Cyrano’s nicht zu erfassen 
vermochte. Begreiflich wäre diese Meinung B.’s von Cyrano 
allerdings; denn die merkwürdige Figur Cyrano’s mit ihren 
bizarren Einfällen mochte dem nüchternen B. wohl närrisch 
erscheinen. 
§ 45. Von dem ablehnenden Urteil, welches B., wie be 
reits bemerkt, über den burlesken Ependichter 5 ) Scarron ge 
fällt hat und das, wie wir später sehen werden, 6 ) auch in 
Bezug auf die dramatischen Leistungen desselben in seiner 
vollen Schärfe bestehen bleibt, hat B. merkwürdigerweise 
das Hauptwerk Scarron’s, den Roman comique, ausgeschlossen. 
Dies kann zwar durch irgend welches Citat aus B.’s Schriften 
nicht gestützt werden, geht aber aus einer im Bolseana (S. 472) 
aufgezeichneten Äußerung B.’s hervor. Hier heißt es: »mais 
il admirait sa prose 7 ) et la trouvait parfaite, surtout dans 
son Roman comique; il n’y eut jamais de style plus plaisant 
ni plus varie que celui-lä. »Scarron, disait-il, »tirait les plus 
petites choses de leur bassesse par la maniere noble dont il 
les contait. Je ne sais s’il ne m’a pas dit qu’il avait eu dessein 
de continuer le Roman comique; mais je me souviens qu’il 
me proposa d’v travailler et m’offrit meme de me donner 
des memoires, ce que je n’eus garde d’accepter.« Diese außer 
ordentlich günstige Beurteilung des »Roman comique« erscheint 
uns begreiflich, wenn wir bei Victor Fournel 8 ) lesen, wie dieser 
in seiner Würdigung Scarron’s das Charakteristische und 
Gute desselben in ein paar Sätzen in’s rechte Licht zu 
stellen gewußt hat. »Scarron,« sagt dieser, »s’est rangö par 
son Roman comique, au nombre de ceux qui ont le mieux 
vu et le mieux peint un coin de la societe d’alors. — En
	        

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