Full text: Die Urteile Boileaus über die Dichter seiner Zeit

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vorgefaßten Meinung erschüttern konnten. Die französischen 
Heldendichtungen des Mittelalters kannte B. nicht. Sie würden 
seine litterarische Geschmacksrichtung auch wohl ebenso 
wenig verändert haben, wie es die Franciade Konsart’s tat, 
die B. bekämpfte. 
§7. Was nun zunächst Saint-Amant 8 ) anbetrifft, so 
ist zu berücksichtigen, daß derselbe B. außerordentlich wenig 
sympathisch gewesen sein muß, da B. sich nicht einmal 
scheute, Saint-Amant in häßlicher Herzensroheit wegen seiner 
Armut zu verspotten. (Sat. I, Vers 97—108.) Übrigens ist das, 
was B. hier sagt, sehr unwahrscheinlich, da man weiß, daß 
Saint-Amant’s Göunerin, die Königin von Polen, 4 ) ihm ihre 
Gunst bis zu seinem Tode erhielt, und ihn nicht in jene 
äußerste Not geraten ließ, s ) von welcher B. redet. Auf alle 
Fälle war eine solche Anspielung sehr persönlicher und be 
leidigender Art. B. handelte hier also gegen den von ihm 
selbst aufgestellten Grundsatz, rein objektive Kritik zu üben. 6 ) 
Zwischen dem Geben von Vorschriften und ihrer Befolgung 
war eben ein Unterschied. 
Unter den Werken Saint-Amant’s hat besonders das 
»idylle heroique«, 7 ) der »Moi'se sauvö«, die Kritik B.’s her 
ausgefordert. Neben der Erwähnung von Les-Fargues und 
Dichtern, deren Werke weit hinter dem Epos Saint-Amant’s 
zurückstehen, findet sich in B.’s Satiren auch eine Anspielung 
auf Saint-Amant’s Moi'se sauve, ein Werk, das wegen seiner 
Unverkäuflichkeit B.’s Spottsucht herausforderte. Sat. IX, 
V. 93. 
»Le Moi'se commence ä moisir par les bords.« 
Die Person Saint-Amants, der sein Leben zum großen 
Teil in liederlicher Gesellschaft zubrachte und nach B.’s Auf 
fassung schon deshalb nicht auf die ehrenvolle Bezeichnung 
»Dichter« Anspruch erheben durfte, sowie der Inhalt seiner 
Werke erregten in gleicher Weise B.’s Verdruß. Diese An 
schauung B.'s kommt in Art poet. I, V. 19—26 zum Ausdruck. 
»Mais souvent un esprit qui se Hatte et qui s’aime 
Meconnait son genie, et s’ignore soi-meme: 
Ainsi tel, autrefois qu’on vit avec Faret 
Charbonner de ses vers les murs d’un cabaret, 
S’en va, mal ä propos, d’une voix insolente,
	        

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